Monster

Jeden Abend stehe ich vor meinem Endgegner: meinem Bett. Was ich tagsüber liebe, wird abends zu einem Ort, den ich besonders fürchte. Wenn ich daran denke, schlafen zu gehen, kriege ich Angst. Ich tue es trotzdem, denn ich bin müde und ich brauche Erholung, aber niemals gehe ich ohne Angst ins Bett. Ich traue mich oft nicht, mein Bett anzuschauen, weil ich glaube, dass ich die Angst vermeiden kann, wenn ich ihr nicht in die Augen schaue. Es ist, als würde ein Sensemann in meinem Bett liegen, der mich zu sich ruft. Der steht jedoch nicht für den Tod, sondern für die Angst, dafür aber mit der gleichen Unausweichlichkeit; ich kann ihr nicht entkommen. Ein ziemlich düsteres Bild, ich weiß. Aber so fühlt es sich nun mal an.

Ich wusste lange nicht, wovor ich eigentlich Angst habe. Ich habe mich sogar mal eine Woche lang jeden Abend bewusst ins Bett gelegt und habe gedacht: Hallo Angst, hier bin ich, ich stelle mich, was willst du mir sagen? Aber es kam … nichts. Und wie soll man eine Angst überwinden, die irrational ist? Mittlerweile glaube ich aber zu wissen, wovor ich ich mich so fürchte. Ich habe Zukunftsangst. Ich habe Angst, dass ich auf dem falschen Weg bin. Und im Gegenzug: dass ich den richtigen Weg niemals finden werde. Aber vor allem habe ich auch Angst davor, dass mir meine Gedanken in der Dunkelheit und Einsamkeit der Nacht, eine Zeit, in der ich mich ihnen ausgeliefert fühle, sagen, dass ich auch jetzt nicht glücklich bin. Dass ich gerade jetzt etwas ganz grundlegend falsch mache.

Die Angst ist irgendwie eine seltsame Sache. Natürlich ist sie in einigen Situationen hilfreich. Wenn Gefahr droht zum Beispiel. Und dann kann die Angst auch sinnvoll eingesetzt werden. Aber was für mich keinen Sinn macht, ist diese lähmende Angst, die ich manchmal habe. Obwohl ich in Sicherheit bin und obwohl ich auch beim besten Willen keine Angst haben brauche. Denn wieso zum Teufel habe ich Angst davor, zu erkennen, dass ich mit etwas unzufrieden bin in meinem Leben? Das wäre doch eine Riesenchance! Denn erst wenn ich weiß was, kann ich es verändern. Ich sollte der Nacht und meinen Träumen also dankbar sein. Sollte mich jeden Abend sogar freuen, ins Bett zu gehen. Und trotzdem tue ich es nicht.

Genau heute vor einem Jahr bin ich zu einer Alpendurchwanderung aufgebrochen. Eine der schönsten und eindringlichsten Erlebnisse, die ich je hatte. Ich habe in dieser einen Woche so viel für mein Leben gelernt, dass sie zu meinem Gleichnis für so vieles im Alltag wurde, weshalb ich sie in diesem Blog sicherlich noch häufig erwähnen werde. In den Bergen war ich endlich mal echter Angst ausgesetzt. An vielen Stellen galt: Wenn ich nicht richtig auftrete, oder abrutsche, dann war’s das. Niemals vorher habe ich so sehr gespürt, für mein Leben verantwortlich zu sein. Aber was ich auch gemerkt habe: dass ich schwächer werde, wenn ich Angst bekomme. Es gab eine Etappe, die relativ selten am Abgrund entlangführte und ich hab mich die ganze Zeit über mutig, fröhlich und stark gefühlt. Und dann kam eine Stelle, nicht mal fünf Meter lang, die etwas heikler war. Und ich habe direkt gemerkt, wie mir die Angst, wenn sie zu groß wird und mich lähmt, schwach macht. Andere hüpften an mir vorbei und zeigten mir, wie leicht es sein kann, wenn man sich der Angst stellt. Denn eines garantierten mir alle: Sie hatten nicht minder Angst. Aber sie fürchteten sich nicht davor.

Ich glaube, dass es genau darauf ankommt. Angst kann und wird uns immer wieder in bestimmten Situationen begleiten. Mal mehr oder mal weniger plausibel. Aber man darf sich nicht davor fürchten. Es geht darum, sie – wie alle Gefühle, die wir haben – wahr- und anzunehmen, aber sich nicht davon beherrschen zu lassen. Für mich geht es darum, meinem Bett jeden Abend auf’s Neue in die Augen zu schauen. Immer und immer wieder. Mein Bett ist mein Freund. Und ich bin in Sicherheit.

Monsters

The monsters were never
under my bed.
Because the monsters
were inside my head.

I fear no monsters,
for no monsters I see.
Because all this time
the monster has been me.

Nikita Gill

3 Kommentare zu „Monster

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