Alle wollen’s, keiner tut’s

Ich saß letztens mit einer Gruppe von Menschen zusammen, die gemeinsam über ihr Beziehungsleid klagten. Sie fühlten sich richtig gut aufgehoben in dieser Runde, weil sie einander so unglaublich gut verstanden. Das Problem war Folgendes: Sie wohnten alle mit ihrer/m Partner/in zusammen, die/den sie wirklich sehr liebten und was sie ja auch wirklich wollten – aber es war ihnen einfach nicht möglich, mal ein bisschen Zeit für sich zu haben in dieser gemeinsamen Wohnung. Einer teaserte vorsichtig das Problem, der nächste witterte seine Chance um einen Leidensgenossen und ehe ich mich versah, nickten alle zustimmend und sie seufzten sich gegenseitig in ihre ausweglosen Gesichter.

Ich habe ihnen genau eine Frage gestellt: Habt ihr eure Bedürfnisse jemals zu Hause geäußert?

Ich beobachte dieses Phänomen regelmäßig und kann es beim besten Willen nicht verstehen. Was in dieser Gruppe deutlich wurde, ist auf einen sehr viel größeren Menschenrahmen übertragbar. Die Quintessenz? Alle wollen das Gleiche, aber keiner tut’s. Ich verallgemeiner an dieser Stelle natürlich, aber es ist häufig so und das macht mich traurig. Denn wie einfach könnte das Leben sein, wenn jeder äußert, was er möchte und dann sogar dabei feststellt, dass es dem anderen ganz genauso geht? Wieso freuen sich Scharen von Menschen wochenlang auf ein Festival, weil sie dann endlich die Feen-Flügel tragen können, die sie sich dafür gekauft haben? Fast immer sind die Leute nach einem solchen Wochenende tief bedrückt, versunken in ihrem Festival-Blues, weil sie diesem sorglosen Fleckchen Erde hinterhertrauern. Es war doch so schön an diesem Ort, wo sie tragen konnten, was sie wollten, wo alle so nett waren und sie einfach mal loslassen konnten. Warum nur auf dem Festival an einem Wochenende im Jahr? Warum nicht immer, wenn es scheinbar doch allen Leuten so geht? Warum denn zum Teufel nicht? Wieso flüchten wir lieber für ein Wochenende aus der Realität als die Realität ein Stückchen mehr zu dem zu machen, wir wir sie uns wünschen? Wir würden alle dabei gewinnen.

Natürlich kann das Leben nicht immer ein buntes Konfetti-Paradies sein, das ist mir schon klar. Trotzdem denke ich, dass wir uns Steine in den Weg legen, die weder uns noch den anderen helfen. Ganz im Gegenteil. Das Bedürfnis, in der eigenen Wohnung – trotz Partner – etwas Zeit für sich zu haben, ist doch total normal! Und ich wette, dass die Partner/innen das genauso sehen. Wahrscheinlich würden sich beide lachend in die Arme fallen, wenn sie offen miteinander reden und feststellen, dass sie die ganze Zeit das Gleiche wollten, aber beide nie den Weg gefunden haben, es zu sagen. Ich kann das nur bedauern.

Zentrales Problem bei der Sache sind häufig unsere Erwartungen, die wir an andere Menschen stellen, aber auch die Erwartungen, denen wir glauben, gerecht werden zu müssen. Ich möchte meinen Partner nicht enttäuschen und schon gar nicht verletzen. Deshalb sage ich lieber ja, wenn er mich fragt, ob wir zusammen einen Film schauen, obwohl ich lieber lesen würde. Aber mal ganz ehrlich, was ist euch lieber: Dass der Partner mit euch einen Film guckt, obwohl er das gar nicht will, oder dass er euch offen sagt, dass er heute lieber lesen möchte, aber sich trotzdem sehr darauf freut, abends neben euch einzuschlafen. Ich zumindest, verbringe viel lieber Zeit mit jemanden, der das wirklich möchte und mir dann auch seine ganze Aufmerksamkeit schenkt. Und ich warte dafür gerne ein paar Stunden. Denn wir alle wissen, dass sich etwas selten gut anfühlt, wenn es aus einer Verpflichtung heraus entsteht.

Spinnen wir das Szenario mal weiter: Wenn ich immer wieder etwas tue, was ich eigentlich nicht will (und ich spreche nicht von grundlegenden Kompromissen, die in einer Beziehung immer sein müssen), staut sich ein Frust in mir an, der sich irgendwann zwangsweise entlädt und vor allem: mich von meinem Partner wegtreibt. Dadurch entsteht eine emotionale Kluft zwischen beiden, die einfach total unnötig ist. Beide werden am Ende unglücklich sein. Denn der Streit, der darauf folgt, wird mit Sicherheit viel größer sein, als eine vorangegangene Diskussion, in der ihr eure Bedürfnisse mitteilt. Dieses Beispiel ist natürlich sehr spezifisch – und trotzdem übertragbar auf so viele Situationen im Leben, die uns in der Interaktion mit unseren Mitmenschen betreffen.

Ich will einfach nicht, dass wir uns das Leben komplizierter machen als es ist. Und erst recht nicht, wenn wir doch eigentlich alle das Gleiche wollen. Bitte sprecht miteinander, seid mutig und vor allem ihr selbst. Tragt eure Feen-Flügel auch im Alltag, spielt den Abend über Playstation und habt kein schlechtes Gewissen deswegen. Natürlich werden die Leute erst mal gucken, oder der Partner möglicherweise zunächst Zweifel hegen, weil ihr plötzlich anders reagiert. Aber wenn ihr es ihnen erklärt, werden sie es verstehen – zumindest die Menschen, auf die es ankommt. Das Leben ist kein Schicksal, dem ihr euch einfach so ergebt. Was das Leben allerdings durchaus sein kann: eine selbsterfüllende Prophezeiung, you get what you give. Wenn du aus ständiger Verlustangst dein Herz verschließt, wirst du den anderen auch verlieren. Wenn du glaubst, die Gesellschaft wird über dich Lachen, wenn du etwas Außergewöhnliches tust, dann wirst du alle Lachen sehen. Das Gute an diesem Boomerang des Lebens: Er funktioniert auch andersrum. Wenn du selbst stolz den ersten Schritt wagst und nach vorne gehst, wirst du andere Menschen mitziehen. Wenn du anfängst, deine Bedürfnisse zu äußern, werden die anderen es dir irgendwann gleichtun. Ich verspreche euch: Der Schmetterlingseffekt wird kommen! Ihr habt die Chance euch selbst, aber auch die anderen ein Stück glücklicher zu machen. Was also spricht dagegen?

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