Freiwillige Akzeptanz

Der 14. Dalai Lama wurde mit vier Jahren von seinen Eltern getrennt, um zu demjenigen ausgebildet zu werden, der er später einmal werden sollte. Weit entfernt von seiner Familie, fühlte sich der kleine Junge einsam und verlassen. Ein Mönch wurde ihm schließlich zur Seite gestellt, zu dem er eine tiefe Verbundenheit spürte und der viele Jahre als Bezugsperson diente, in diesem neuen Leben, das er noch nicht so ganz verstand. Doch dieser Mönch wurde schließlich versetzt und der Dalai Lama verlor seinen treusten Freund. Viele Jahre später, als der Dalai Lama längst erwachsen war, berichtete er von diesem Erlebnis in einem Interview. Dabei fing er an zu weinen. Der Journalist war irritiert – galt der Dalai Lama nicht schließlich als personifizierte Akzeptanz? Wieso trauerte er auch Jahre später immer noch um seinen Freund? Der heilige Mönch konnte die Verwunderung hingegen nicht verstehen. Es handelte sich schließlich um einen der schmerzlichsten Verluste seines Lebens. Was war also so verkehrt daran, heute noch darum zu trauern?

Ich mag diese Geschichte sehr. Denn sie verdeutlicht, was ich persönlich unter inneren Frieden verstehe. Es ist okay, die Dinge einfach mal so zu lassen, wie sie sind. Das zu fühlen, das zu tun, das zu denken, was gerade ist. Obwohl es doch eigentlich anders sein könnte, man mittlerweile müsste oder endlich sollte. Es gibt wirklich kein erholsameres und größeres Gefühl von Erleichterung für mich, wenn ich mich einfach so sein lasse wie ich bin. Jedes Mal kann ich spüren wie der dicke, schwere, verfressene Stein der Erwartung von mir abfällt. Verständnis für sich und seine Situation aufzubringen, schafft inneren Frieden für den Verstand.

Ich interessiere mich selbst sehr für psychologische Theorien und Konstrukte und lese viel dazu. Die Bedürfnispyramide, das Prinzip der Schwingungen oder gewaltfreie Kommunikation – all diese Theorien inspirieren mich immer wieder. Ich finde sie so richtig und wichtig im Alltag und bin überzeugt, dass ich ein bisschen glücklicher werde, wenn ich deren Aussagen immer im Hinterkopf behalte. Aber von allen Erkenntnissen, die ich mir mittlerweile angelesen habe, macht mich diese am Glücklichsten: dass wirklich rein gar nichts davon sein muss. Dass ich nichts davon umsetzen muss, um glücklich zu sein, wenn es mir einfach nicht entspricht. Denn keine Theorie dieser Welt ist nützlich, wenn ich sie gerade nicht fühlen kann.

Akzeptanz ist ein Modewort geworden, aber so wie Trends nun mal funktionieren, pflichten wir dem bei, weil es sinnvoll klingt, weil es so vielen Menschen etwas bringt – dann tut es das wohl auch für uns. Aber Akzeptanz ist keine hippe Jacke, die wir uns einfach überstülpen können. Die wir tragen können und dann wird alles gut. Nichts, was wir von Außen auflegen, sondern etwas, das von Innen heraus wächst. Wir leben in einer Zeit, in der der Optimierungswahn überhandnimmt, in der wir uns immer wieder neu erfinden und Erwartungen, die wir selbst nicht erfüllen, an andere weitergeben. In der wir denken, uns selbst zu bestimmen und dabei fremdbestimmt leben. Kein guter Freund, kein Ratgeber, kein Trend, kein Blogpost oder psychologisches Konstrukt dieser Welt kann euch sagen, was gut für euch ist. Wie ihr sein solltet oder wie ihr zu fühlen habt. Das könnt nur ganz allein ihr entscheiden. Es ist okay, so wie es ist. Und ihr seid okay, so wie ihr seid.

Der Journalist meinte, der Dalai Lama müsse seine Trauer mittlerweile überwunden haben. Schließlich wird der Mönch nicht zurückkehren – auch nach all den Jahren nicht. Wäre es dann nicht angebracht, diese Tatsache zu akzeptieren und die Geschichte hinter sich zu lassen? Ja, das kann er und das tut er er auch. Aber das heißt nicht, dass er glücklich darüber sein muss. Die wahre Akzeptanz beginnt dann, sich einzugestehen, immer noch darum zu trauen, das anzunehmen und es auch zu dürfen, wenn es nun mal das ist, was er fühlt. Uns wird von allen Seiten gesagt, dass es glücklicher macht, gelassen zu sein. Dass wir uns freier fühlten, wenn wir erst mal kapierten, das Leben mit allen seinen Umständen zu akzeptieren, wie es ist. Ich stimme dem absolut zu, aber ich glaube, dass Akzeptanz schon früher beginnen muss. Ich muss erst mal mich und meine Gefühle akzeptieren, bevor ich aufrichtig offen dafür bin, die Außenwelt in ihrer Gänze zu bejahen.

Ich glaube, dass viele Angst davor haben, dass schwere Gefühle bleiben, wenn sie einmal da sind. Aber das stimmt nicht, ganz im Gegenteil. Viele meiner engsten Menschen um mich herum, versuchen mir direkt eine Lösung für ein Problem zu präsentieren. Sie wollen einfach nicht, dass ich mit einem Problem hadere, wenn es rational eine Lösung dafür gibt. Was sie jedoch nicht verstehen: Ich will eine Lösung und die werde ich auch finden – aber noch nicht jetzt. Erst wenn ich mir selbst den Raum für Trauer, Wut, Enttäuschung, Verzweiflung, gebe, bin ich schneller bereit, mich wieder meinem Glück zuzuwenden. Erst wenn ich Verständnis für mich und der Situation habe, erlaube ich den Gefühlen da zu sein – und schließlich auch wieder zu gehen. Unser Verstand mag das zunächst nicht ganz kapieren, aber: Wenn ich meine Trauer, meine Wut, meine Scham beobachte und wahrnehme, mich ihr direkt zuwende – wird sie auch wieder gehen, weil sie ihre Bedeutung verliert. Wenn ich meine Innenwelt jedoch ignoriere, ihr keinen Raum gebe, hat sie auch keine Möglichkeit, sich zu bewegen. Und glaubt mir: Nichts schmerzt mehr als Gefühle, die über all die Jahre an Haut und Knochen fest gefroren sind. Erst wenn sie wieder zu Wasser werden, können sie davon fließen.

2 Kommentare zu „Freiwillige Akzeptanz

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