Kein Ende in Sicht

Wenn etwas zu Ende geht, kann das ganz schön beklemmend sein. Es kann Angst einjagen, oder traurig machen, beunruhigen und Unwohlsein erzeugen. Und dabei ist es völlig egal, ob man sich schon lange darauf vorbereitet, oder plötzlich davon überrascht wird. Denn auch wenn man sich das Ende wünscht: Es wird zukünftig nicht mehr so sein wie bisher. Das Unbekannte liegt blank vor einem – und nicht immer kann man mit wehenden Fahnen ins Ungewisse ziehen.

Für mich ging mit einem Ende bisher immer eine Radikalität einher. Anders als beispielsweise bei seinen kleinen Geschwistern, mit denen ich viel besser umgehen kann: der Veränderung oder dem Abschied. Auch diese beiden Situationen bringen etwas Neues oder Anderes hervor – aber nicht unbedingt für immer oder ganzheitlich. Veränderungen können schleichend und ganz nebenbei erfolgen, Abschiede können nur temporär sein. Das macht die Momente an sich nicht unbedingt leichter – ich habe über zwei Jahre lang eine Fernbeziehung geführt, ich weiß ganz genau wie schwer jeder verdammte Sonntag sein konnte, auch wenn es kein Abschied für immer war -, aber trotzdem: Sie fühlen sich nicht so bedingungslos an. Ein Ende hingegen war für mich immer kompromisslos. Der Point of No Return, ein Schlussstrich, ich muss das letzte Kapitel des Buches zuschlagen und ein Neues beginnen.

Viele Menschen machen diese Unterscheidung zwischen den Begriffen wahrscheinlich gar nicht und trotzdem geht es ihnen ähnlich. Sie hadern mit der Welt, die vor ihnen liegt, auch wenn das Tal voller Möglichkeiten verlockend aussieht. Und ich glaube das passiert dann, wenn ein symbolischer Schritt über die Schwelle als absolut empfunden wird. Der Knackpunkt an der Sache ist die Bewusstheit der Veränderung. Das Leben zieht so schnell an uns vorbei, wir nehmen nur die Hälfte von dem wahr, was um uns herum geschieht. Wenn es jedoch einen Moment gibt, der das Leben in ein davor und danach einteilt, kriegen wir das oft auf brutale Weise mit. Selten werden wir so mit der Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft konfrontiert als an einem Punkt, an dem etwas zu Ende geht. Wir müssen uns bewusst damit auseinandersetzen.

Während ich mit Veränderungen äußerer Umstände schon immer ganz gut zurecht gekommen bin, komme ich weniger gut mit Veränderungen innerer Zustände klar, also mit emotionalen Komponenten im zwischenmenschlichen Bereich. Ich freu mich auf Umzüge, neue Städte, neue Länder und Aufgaben, wenn es jedoch um den Abschied von mir wichtigen Menschen geht, oder von meinen Gefühlen, tue ich mich extrem schwer. Schrillend kreischt die Sirene der Endlichkeit auf. Auf mir wiegt dann die Last des Loslassens, hinter mir lassen, obwohl ich das eigentlich einfach nicht möchte. Ich möchte die Gefühle und Menschen nicht in eine Kiste packen, die ich zumache und anschließend an einem Ort vergrabe, den ich niemals wieder aufsuchen kann. Die Vorstellung macht mir Angst und widerstrebt mir total. Trotzdem habe ich mir stets anhören müssen, dass es besser ist, loszulassen, wenn ich weiterkommen möchte. In solchen Momenten saß ich in der Zwickmühle: Ich wollte nicht Loslassen, aber auch weiterkommen.

Heute glaube ich: Ich hab das Konzept des Loslassens falsch verstanden. Oder für mich einfach falsch interpretiert. Der Dalai Lama hat es schon gesagt: Es geht nicht darum, Menschen oder Sachen hinter sich zu lassen, sondern auf produktive Weise mitzunehmen. Was, wenn ich euch sage, dass es das Ende gar nicht gibt? Dass Sätze wie: „Am Anfang war das Ende“, „Wenn sich eine Tür schließt, öffnet sich eine Andere“ oder „Auf zu neuen Ufern“, irreführend sind? Sie suggerieren nämlich genau die Schwelle, die das davor von einem danach teilt. Ein imaginäres Schwert, dass langsam eine Linie auf dem Sandboden zieht. Was ist aber, wenn es keine Tür zwischen den Räumen gibt, sondern nur einen offenen Durchgang? Wenn die zwei Ufer von einer Brücke getrennt werden, die bleibt, egal auf welcher Seite man gerade steht?

Mich macht es viel glücklicher zu wissen, dass ich mich nicht von einer Sache, einem Menschen oder einer Situation trennen muss. Dass es das Ende einfach nicht gibt – und ich trotzdem weitergehen kann. Es gibt kein Entweder-oder, das gibt es nie. Nur weil ich mich für einen Weg entscheide, heißt das nicht, dass ich nicht mehr zurückkann. Oder einen neuen oder einen anderen Weg einschlage, wenn er mir doch nicht gefällt. Denn Fakt ist: Was war, wird bleiben. Nichts was ich erlebt habe, kann mir je genommen werden – egal ob positiv oder negativ. Und es macht einfach keinen Sinn, diese Erlebnisse wegsperren zu wollen, weil sie immer da sein werden, ob bewusst oder unbewusst. Wieso also nicht einfach friedvoll mitnehmen? Es wäre jedoch falsch anzunehmen, dass ich deswegen auf der Stelle trete oder Neuem verschlossen bleibe. Alt und neu kann nebeneinanderstehen und das bedeutet nicht Stillstand. Im Gegenteil. Ich kann etwas bedauern und trotzdem glücklich sein. Ich kann etwas bereuen und es wieder gutmachen, wenn ich will. Das Leben ist ein ewiger Kreislauf und nichts ist jemals konsequent statisch und gradlinig. Und das Leben auch als solches zu verstehen, macht es unter Umständen leichter, Veränderungen anzunehmen. Loslassen heißt heute für mich nicht, mich von dem zu trennen was war, sondern offen zu sein für das, was kommt.

2 Kommentare zu „Kein Ende in Sicht

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