Entschieden Erwachsen

Als die NEON dieses Jahr ihr Aus bekannt gab, wurde ich sentimental. Als die Zeitschrift 2013 ihren Pik hatte, war ich dort Praktikantin in der Online Redaktion – ich war Anfang zwanzig und völlig eins mit deren Leitidee. Die NEON war mehr als eine Zeitschrift, sie war ein Statement. Für eine Generation, die sich verloren fühlte oder zumindest noch nicht wusste, wohin mit sich. Eine Stimme für alle 20- bis 30-jährigen, die nicht erwachsen werden wollten. Heute bin ich Ende Zwanzig und die NEON wurde eingestampft. Als würden die schlechten Absatzzahlen mir sagen: Deine Generation hat’s gepackt, deine Schonzeit ist abgelaufen. Es ist Zeit, erwachsen zu werden.

Ich habe nie aktiv darüber nachgedacht, was „Erwachsen werden“ für mich bedeutet – bis die Antwort irgendwann vor mir lag. In Momenten, in denen ich unzufrieden mit mir oder etwas war, entwickelte ich häufig den intuitiven Wunsch danach, erwachsen werden zu wollen. Ich habe mich dann gefragt, woher dieser Wunsch kommt und welche Bedürfnisse, meiner Meinung nach, dann befriedigt wären. In vielen Diskussionen, die danach folgten, konkretisierten sich meine Werte und Vorstellungen immer mehr, bis eine simple Ansicht vor mir lag: Erwachsen sein heißt, Entscheidungen zu treffen – und zu ihnen zu stehen. Offensichtliche Eigenschaften, die oft mit dem Erwachsen werden in Verbindung gebracht werden, wie beispielsweise Verantwortung übernehmen, Eigenständigkeit oder Unabhängigkeit, fußen alle auf einem Fundament: der Entscheidungsfähigkeit.

Als Kinder sind wir noch wehrlos. Wir kommen völlig abhängig von unseren Eltern auf die Welt und entwickeln darauf basierend Strategien, um zu überleben. Daraus entstehen mit den Jahren Verhaltensmuster, die uns später prägen, aber auch unter Umständen determinieren. Erwachsen werden beginnt für mich dann, wenn ich diese Muster, Ansichten oder Wünsche erkenne und verstehe, dass sie mich heute beeinflussen. Erwachsen sein beginnt dann, wenn ich mich bewusst entscheide, ob ich damit weitergehen möchte, oder lieber nicht. Ich finde es beruhigend zu wissen, was ich als Kind gelernt und mitbekommen habe, woher ich komme, was mich prägt und formt – und ich mir trotzdem jeden Tag auf’s Neue überlegen kann, was ich damit mache.

Viele Menschen treffen nur sehr ungern Entscheidungen. Ich hingegen liebe sie. Denn wann kann ich mehr Einfluss auf mein Leben nehmen, als in dem Moment, indem ich eine Entscheidung treffe? Das Leben verändert sich sowieso stetig und vieles geschieht ungeplant – wieso also nicht zumindest selbstbestimmt Entscheidungen treffen und aktiv am eigenen Leben teilnehmen, statt es passiv an sich vorbeiziehen zu lassen? Und hierzu gehört nicht nur ein Entscheiden für ein klares Ja oder Nein, sondern auch bewusst für ein Vielleicht. Wenn ich erwachsen bin, bin ich in der Lage, selbstbestimmte Entscheidungen zu treffen, auf Basis meiner eigenen Werte und Vorstellungen und von dem, was ich im Leben möchte. Das ist meine persönliche Definition von Unabhängigkeit und ich finde, das ist ein irres Gefühl.

Eine Entscheidung zu treffen, fällt mir natürlich leichter, wenn ich genau weiß, was ich will, oder wo ich hin möchte. Und das ist nicht immer so einfach. Aber es wäre ein Trugschluss zu glauben, dass das eine Voraussetzung für’s Entscheiden ist. Denn es kann genauso hilfreich sein, einfach mal zu machen und zu bemerken: Nee, das ist es nicht, was ich möchte. Viele würden in diesem Fall von einer falschen Entscheidung sprechen, oder der Tatsache, gescheitert zu sein. Und die Angst davor ist der häufigste Grund, weshalb Menschen so ungern Entscheidungen treffen. Ich finde, dass es weder falsche Entscheidungen gibt, noch das Scheitern. Aber nicht unbedingt aus dem Grund, wie viele meinen, dass alles, was passiert, egal welche Entscheidung ich treffe, mich eben zu dem Menschen macht, der ich heute bin. Natürlich macht mich die Summe meiner Erfahrungen zu der, die ich heute bin. Allerdings glaube ich, dass es einfach nicht den einen Weg gibt. Auch wenn ich mich zu anderer Zeit anders entschieden hätte, einen anderen Weg eingeschlagen wäre, wäre mein Leben zwar anders, aber auf seine Weise genauso okay.

Und Entscheidungen zu treffen und zu ihnen zu stehen, bedeutet nicht gleich, dass sie immer konsequent und für immer sein müssen. Es zeugt genauso von Stärke anzuerkennen, dass ein eingeschlagener Weg doch nicht zu den eigenen Werten passt. Und das Schöne ist doch: Dann bitte ich eben um Verzeihung, dann ziehe ich doch zurück nach Deutschland, dann fange ich noch mal an zu studieren. Das ist heutzutage alles kein Problem mehr – solange ich meinen Stolz beiseitelege und mich eben nicht von alten, kindlichen Mustern, Ängsten oder Befürchtungen leiten lasse.

Ich bin sehr gerne erwachsen, wenn das bedeutet, dass ich mein Leben aktiv nach dem ausrichten kann, wonach ich leben möchte. Und vielleicht musste es die NEON erst mal nicht mehr geben, damit ich das kapiere – und verstehe, dass ich Erwachsen geworden bin.

 

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