Die Glücksskala

Ein Tag im April. Ich will nur kurz zum Sportplatz, der direkt gegenüber von meiner Wohnung liegt. Als ich rauskomme, scheint die Sonne, blinzelt mich an und ich merke: Es ist warm. Es ist endlich wieder richtig angenehm warm. Ohne Tasche in der Hand oder auf dem Rücken, nur in wohligen Sportklamotten bekleidet, sind diese paar Meter, die ich gehen muss, absolut vollkommen.

Ein Tag im August. Ich liege ganz weit oben auf dem Dach eines Kaufhauses und schaue in die Wolken. Die Sonne wärmt mein Gesicht, die Wolken ziehen schnell an mir vorbei. Ich hab die Kapuze meines Pullis übergezogen und fühle mich geborgen eingepackt, bei dem lauen Wind, der hier oben weht. Nach einer Stunde Yoga darf ich jetzt gerade einfach nur sein. Ich bin vollkommen.

Ein Tag im Oktober. Ich wander gerade einen kleinen bewaldeten Berg hinauf zu einem Turm, von dem aus ich die ganze Stadt sehen kann. Hier im Wald, obwohl unmittelbar in der Stadt, ist alles still. Ich bleibe stehen und sehe Sonnenstrahlen, die durch die bunten Blätter brechen und, mir gegenüber, direkt auf die schönsten Augen fallen, die ich kenne. Der Anblick ist vollkommen.

Das sind drei Situationen in meinen Leben, deren Erinnerung daran, hüte ich wie einen Schatz. Was uns Menschen lange im Gedächtnis bleibt, sind Momente, in denen wir wirklich fühlen. Wenn uns etwas so tief berührt, wir es ganzheitlich spüren und es sich deshalb geradezu in uns einbrennt. Den meisten Menschen kommen dabei die Unschönen Erfahrungen in den Sinn. Die Situationen, in denen sie besonders viel Leid erfahren haben, weshalb es ihnen lieber wäre, Gedächtnis und Körper würden vergessen. Was aber viel eher in Vergessenheit gerät: Dass wir uns nicht nur an die Augenblicke erinnern, die schmerzlich waren, sondern auch an die, die uns besonders glücklich machen. Die uns mit so viel Freude und Zufriedenheit überschütten, sodass einfach alles zu stimmen scheint. Das sind die Zehner im Leben – die 10 auf der Glücksskala.

Wenn die Glücksskala von 1 bis 10 geht, lässt sich eine 10 nur situativ erreichen. Das sind meist winzige, perfekte Augenblicke. Dass diese nur kurz sind, macht aber überhaupt nichts. Denn wenn man bewusst auf diese achtet und sie in ihrer Ganzheit wahrnimmt, haben sie die Kraft, auch später noch lange nachzuklingen. Meine drei Zehner sind für mich absolute Ressourcen. Ich habe sie fein säuberlich konserviert und hole sie heraus, wann immer mir danach ist. Wenn ich an diese Situationen zurückdenke, kann ich auch heute noch von Kopf bis Fuß spüren, wie erfüllt ich damals war. Ein weiterer Grund, weshalb ich dagegen bin, die Vergangenheit stets auszuklammern und den Blick stur nach vorne zu richten. Wieso sollte ich nicht auf meine Vergangenheit zurückgreifen, wenn ich dadurch die Zuversicht erhalte, der Zukunft entgegenzutreten?

Es ist immer sinnvoll, diese Glücksmomente bewusst wahrzunehmen. Zum einen, weil uns dann auffällt, dass wir viel mehr davon haben als wir glauben. Zum anderen, weil wir ihnen noch häufiger begegnen können, wenn wir erst mal verstehen, was uns so richtig glücklich macht. Alle meine Zehner hatten die gleichen Eigenschaften: Es ging um Wärme, Sonne, Natur, leichte Bewegung, gemütliche Klamotten, Herzensmenschen. Das sind meine persönlichen Big Six for Happiness. Wenn ich diese Dinge zusammenführe, steigt die Wahrscheinlichkeit einer 10 bei mir deutlich. Also macht es Sinn, häufiger solche Kontexte zu erschaffen. Aber eins ist völlig klar: Austricksen lässt sich eine 10 sicher nicht. Sie lebt vom Überraschungseffekt, von der Spontanität, von der Unmittelbarkeit. Wie so vieles im Leben, geht es darum, sie kommen zu lassen, sie zu finden, statt sie zu suchen. Es ist nur wichtig zu verstehen, worauf wir unseren Fokus richten müssen.

Was sind eure Zehner im Leben? In welchen Momenten, wart ihr so richtig glücklich? Erzählt mir eure Geschichten! Ich freue mich über jede Einzelne.

 

2 Kommentare zu „Die Glücksskala

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