Drei Geschenke für die Liebe

Ich bin für gewöhnlich voller Liebe und verteile sie treu, woimmer ich nur kann. Da alle meine Gefühle ohne Umschweife nach Außen gelangen, habe ich keine Schwierigkeiten, anderen Menschen meine Zuneigung zu zeigen. Ich schreibe aber auch gerne Postkarten und kaufe kleine Dinge, von denen ich weiß, dass sie dem anderen eine Freude bereiten. Ich mag das einfach. Und ich weiß, dass andere das auch mögen. Aber sie es selbst nicht immer geben, oder auch annehmen können. Und gleichzeitig darunter leiden, ihre Liebe nicht so zum Ausdruck bringen zu können, wie sie gerne würden. Ich glaube jedoch: Es gibt hundert Möglichkeiten, einem Menschen zu zeigen, dass man ihn liebt. Aber sie alle – und vor allem die materiellen Dinge – sind völlig unwichtig im Vergleich zu den goldenen Drei: Zeit, Aufmerksamkeit und Glaube.

Wir gehen heutzutage so unachtsam mit unserer Zeit um und verbringen die Zeit, die wir zusammen haben, vor unseren Smartphones, Laptops oder hängen in Gedanken noch der Arbeit nach – kurz: schenken allem unsere Aufmerksamkeit, nur nicht dem Gegenüber. Schon oft gehört und festgestellt – und doch nichts geändert. Während wir uns ständig ablenken lassen, Neues im Außen suchen und versuchen, mit Geld Glück zu kaufen, geht der Blick für’s Wesentliche verloren. Kein Geld dieser Welt kann die Zuneigung erkaufen, die der Partner zum Ausdruck bringt, wenn er einem Frühstück ans Bett bringt. Jedes ehrliche Gespräch ist wertvoller als alle Geldgeschenke zusammen. Wie kann eine lange Bahnfahrt je verschwendete Zeit sein, wenn ich sie mit dem Menschen teilen darf, den ich liebe? Wann könnte ich mich reicher fühlen als in dem Moment, in dem ich begreife, dass der andere voll da ist und bereit ist, mir seine Zeit zu schenken? Zyniker nennen mich jetzt vielleicht eine hoffnungslose Romantikerin, aber den Titel nehme ich gerne, wenn er bedeutet, dass ich mich genügsam zeige für Dinge, die in ihrer Einfachheit vieles sind, aber ganz sicher nicht selbstverständlich. Wer das belächelt, den frage ich konkret: Was ist wichtiger als die Zeit, die wir zusammen haben? Gibt es eine größere Wertschätzung als aufrichtige Aufmerksamkeit? Wer skeptisch ist, dem schlage ich folgendes vor: Schnappt euch euren Partner, macht euch schöne Musik an und schaut euch 10 Minuten lang einfach nur in die Augen. Nichts anderes. Ich verspreche euch, danach ist eure Beziehung nicht mehr die Gleiche.

Viele junge Leute in meinem Alter haben Angst, etwas zu verpassen. Sie sind ständig unterwegs, wollen sich nicht festlegen, irgendwie dazugehören. Was ich hingegen viel eher fürchte, ist irgendwann alt zu sein und dann zu bemerken, dass ich trotz rastloser Versuche es zu vermeiden, tatsächlich vieles verpasst habe – weil ich damals nicht kapiert habe, worauf es wirklich ankommt im Leben.

Das dritte Geschenk im Bunde ist für mich der Glaube an die geliebte Person. Es kostet uns selbst rein gar nichts – und bereichert den anderen dafür umso mehr. Ich fühle mich selten so ermutigt und stark, wenn ich merke, dass jemand wirklich und bedingungslos an mich glaubt. Mit dem Rückhalt fällt es mir außerdem viel leichter, selbst an mich zu glauben. Ich weiß, dass die Verfechter der Selbstliebe jetzt womöglich aufschreien. Weil es doch nicht sinnvoll ist, seinen Selbstwert von einem anderen Menschen zu beziehen. Ich halte das für Quatsch. Abhängig machen, nein. Starthilfe annehmen, unbedingt.

Nach Klaus Grawe unterscheidet man lediglich zwischen vier Grundbedürfnissen in der Psychologie:

Bindung / Zugehörigkeit –
Autonomie / Kontrolle –
Lustgewinn / Unlustvermeidung –
Selbstwerterhöhung / -anerkennung.

Einige Psychologen meinen, dass all unsere Probleme – egal in welchem Lebensalter – immer auf die Frustration eines oder mehrerer dieser Grundbedürfnisse zurückzuführen ist. Wir haben das Bedürfnis nach Autonomie, nach Selbstwirksamkeit, nach Abgrenzung und eigenem Streben. Was jedoch ebenso essentiell für unser Wohlbefinden ist und worauf wir bereits im Säuglingsalter konditioniert werden: Zugehörigkeit, stabile Bindungen und ja, die entstehen dann, wenn wir Wertschätzung durch andere erhalten. So sehr ich also überzeugt davon bin, dass Liebe immer erst bei einem Selbst beginnen muss, so glaube ich ebenfalls, dass wir Unterstützung durch andere annehmen dürfen und ich würde noch weitergehen: sogar müssen, um unsere Waagschale in einem guten Gleichgewicht zu halten.

Eines dieser Werte, die wir durch andere Menschen weiterentwickeln können, ist der Glaube an uns selbst. Ganz allein schon deshalb, weil diese Menschen uns damit zum Wachstum anregen, sie bereit sind, uns symbolisch die Tür öffnen, wenn wir es selbst vielleicht noch nicht können. Damit ich wirklich an eine Person glauben kann, muss ich ihr vollständig vertrauen, sie in ihrer Ganzheit akzeptieren und bereit sein, mein eigenes Ego zur Seite zu räumen. Denn oft sind es eigene Sorgen oder Ängste, die wir in den anderen projizieren und ihn deshalb möglicherweise von einer Entscheidung abraten oder ihm unsere Zweifel einreden. Wir können es nicht leiden, wenn andere Menschen Dinge tun, die wir uns selbst nicht zutrauen. Wir mögen es nicht, uns den anderen in einer Situation vorzustellen, mit der wir selbst nicht umgehen können. Deshalb ist es okay, die zu lieben, die an uns glauben. Weil sie die Bereitschaft mitbringen uns – trotz ihrer eigenen Wirklichkeit – so zu sehen, wie wir sind. Und uns die Unterstützung geben, die wir wirklich brauchen. Und deshalb ist es genauso wichtig, den Menschen, die wir lieben, unseren Glauben zu schenken. Damit sie wissen, dass es immer jemanden gibt, der gerade weitsichtiger ist als sie selbst. Der sie nicht aufgibt – egal was das Leben gerade bringt. Gibt es eine schönere Liebeserklärung?

Ein Kommentar zu „Drei Geschenke für die Liebe

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