Gefühlsausdruck

Manchmal frage ich mich, wie Schönheit so wehtun kann. Wie mich etwas, das ich sehe oder dem ich begegne, in seiner Vollkommenheit so tief berührt, dass es wehtut. Ich habe das in Momenten wie heute früh. Ich war joggen, aber eigentlich habe ich mir die Welt angeschaut. Ich hab den blauen Himmel gesehen und die dicken Quellwolken; ich habe Menschen gesehen, die mit ihren eigenen Geschichten spazieren gehen. Ich habe meinen Körper gespürt, den klügsten Organismus von allen, der niemals aufhört, mir ein gutes Leben zu ermöglichen. Und diese unaufdringliche Schönheit des Lebens kann einen in Ekstase versetzen – oder eben, wenn man sie wirklich begreift, wehtun.

Zugegeben, die Worte sind nicht von mir. Die Gefühle dazu allerdings schon. Das erste Mal, als mir wirklich bewusst wurde, dass Schönheit wehtun kann, war während eines Films (Love Stories), dessen zwei erste Sätze, die gesprochen werden, lauten:

„Ich weiß noch, dass es wehtat. Sie anzusehen, tat weh.“

Ich saß da, in einem stinkenden Abteil der Deutschen Bahn, umgeben von Menschen, die lieber woanders wären und hatte keine höheren Erwartungen als mich zumindest für 1 1/2 Stunden ein bisschen in eine fremde Welt zu träumen. Stattdessen wurde ich radikal in mein eigenes Leben katapultiert. Die Sätze trafen mich mit voller Wucht. Ich begriff nicht, warum dieser Einstieg so saß. Ich wusste nur, dass er mir aus der Seele sprach. Manchmal kapiert der Körper Dinge, die der Kopf einfach (noch) nicht verstehen kann. Und es kann unheimlich erlösend sein, wenn das Fühlen plötzlich greifbar wird. Deshalb höre ich so gerne Musik, lese Bücher oder gucke Filme. Weil manchmal dieser eine Satz dabei ist, dieses eine Bild, das in mir selbst verborgen ist. Manchmal können andere Worte finden, von denen ich noch nicht wusste, dass ich sie suche. Und das Schöne: Da ein anderer sie sagen oder schreiben konnte, bedeutet das, dass es noch jemanden auf dieser Welt gibt, dem es ähnlich geht wie mir.

Wenn der erste Satz einer Geschichte sitzt, ist das natürlich ein Sechser im Lotto, wie alle wissen, die sich ein bisschen mit Schreibtechniken auskennen. Und ich bin immer wieder darüber enttäuscht, wie leer erste Sätze sein können. Aber wahrscheinlich ist auch das – wie so vieles – nur ein subjektives Empfinden. Was mich erreicht, kriegt den Nächsten vielleicht überhaupt nicht. Weil dieser eine ganz andere Geschichte lebt als ich. Erzählen ist ein ein Handwerk, aber letztendlich braucht auch die beste Geschichte einen Rezipienten, der sie als solche auch empfangen kann. Und letztendlich ist es egal, ob es der erste Satz, der letzte oder irgendeiner in der Mitte ist, Emotionalität kennt keine Zeitachse und gewinnt immer: Es reicht eine einzige Wortfolge, die meinem Fühlen entspricht und der Film, das Buch oder das Musikstück bleibt unvergessen. Meine Highlights: Alles eine Frage der Zeit („Wir gewöhnten uns daran, sie wieder glücklich zu sehen“ und „Er war immer in Gedanken, wir fanden nur nie heraus in welchen“), Der friedvolle Krieger („Gibt es etwas Höheres als jemandem einen Dienst zu erweisen?“) oder Snow Patrol („You are angry but you don’t know how to be that yet“).

Gestern war es aber mal wieder soweit. Der erste Satz hat (mich) gewonnen. Ich habe ein neues Buch angefangen Schlaft gut, ihr fiesen Gedanken von John Green:

„Als mir zum ersten Mal klar wurde, dass ich vielleicht Fiktion bin, verbrachte ich meine Tage an einer öffentlichen Bildungsanstalt namens White River High im Norden von Indianapolis, wo ich von fremden Kräften, die so übermächtig waren, dass ich sie nicht ansatzweise identifizieren konnte, dazu gezwungen wurde, jeden Tag zu einer bestimmten Uhrzeit Mittag zu essen, nämlich zwischen 12 Uhr 37 und 13 Uhr 14.“

Ich habe ihn ungefähr sieben Mal gelesen, bevor ich weiterlesen konnte. Für mich einer der genialsten Einstiege seit Langem. Abgesehen vom technischen Aufbau, weiß ich noch genau warum. Und vielleicht werde ich das auch nie. Aber ich freue mich darüber, dass mir mal wieder ein Satz geschenkt wurde, durch den ich mich selbst erkennen kann.

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