Ein Abschiedsbrief

Lieber P.,

deine größte Angst war immer, nichts zu hinterlassen, wenn du gehst. Du wolltest etwas bewirken, du wolltest, dass die Menschen sich an dich erinnern, wenn du irgendwann nicht mehr da bist. Du wolltest der Welt etwas bedeuten. Ich hab das nie so recht verstanden, denn alles, woran mir lag, war dir etwas zu bedeuten. Heute weiß ich, dass wir immer nach dem Gleichen gestrebt haben. Wir haben nur in unterschiedlichen Welten gelebt. Und jetzt bist du gegangen und ich verstehe endlich, wovor du dich immer so gefürchtet hast. Denn nichts kann diese Leere füllen, die entsteht, wenn man der Welt nichts bedeutet, von der man es sich am meisten wünscht.

Das hier ist ein Abschiedsbrief, P., weil ich verstehen muss, dass du nicht mehr wiederkommst. Weil meine Hände nicht mehr zittern dürfen, wenn sie den Briefkasten öffnen. Weil ich keine Angst mehr vor der Enttäuschung haben darf, wenn ich aus dem Fenster schaue und dich dort nicht stehen sehe.

Ich werde niemals verstehen, warum Liebesbeziehungen scheitern. Wie Liebe, die angeblich so groß war, plötzlich nicht mehr da sein kann. Aber letzten Endes ist genau das wohl der Grund, warum Menschen auseinandergehen: Einer liebt nicht (mehr) so sehr wie der andere. Und wenn es so ist, dass es einen Menschen gibt, der mehr liebt, dann gibt es zwangsläufig einen Gewinner – und einen Verlierer. Und so schwer es mir auch fällt, das zu akzeptieren, muss ich auf meinem eigenen Abschiedsweg gehen.

Du brauchst keine Angst mehr davor haben, in dieser Welt nichts zu hinterlassen. Du hast mich zurückgelassen und ein gebrochenes Herz. Das klingt traurig, aber du darfst nicht vergessen, dass Herzen nur brechen können, wenn sie lieben. Ich weiß, dass dir das nie gereicht hat. Dass dir die Liebe eines Menschen zu wenig war. Aber glaub mir, in meinem Leben, in meiner Welt, fühlst du dich sehr groß an. Ich wünsche mir, dass du irgendwann deinen Frieden finden kannst. Dass du das bekommst, was ich dir nicht geben konnte. Und wenn es soweit ist, dann denkst du vielleicht an mich und daran, dass ich dich immer hab strahlen sehen.

Alles Liebe.

Deine S.

2 Kommentare zu „Ein Abschiedsbrief

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