Die Geisterversammlung

Ich möchte euch eine Geschichte erzählen. In der Agentur, in der ich arbeite, gibt es jeden Montag um 9.30 Uhr eine Shortlist. Eine halbe Stunde lang wird darüber berichtet, wie es unseren Kunden so geht, was wir in der letzten Woche alles gerissen und gepitcht haben und wer die neuen Brandschutzhelfer im Unternehmen sind. Die Shortlist ist ein Pflichttermin für alle, aber die Hälfte der Rund 200 Mitarbeiter erscheint nicht, weil das doch ein bisschen zu anstrengend ist an einem Montagmorgen. Die andere Hälfte geht wiederum hin, weil sie erkannt hat, dass es sich bei dieser Berieselung um einen sanften Einstieg in die Woche handelt. So gleicht die Shortlist jeden Montag auf’s Neue einer Geisterversammlung: leere Blicke, hängende Schultern, Gesagtes, das wie zähflüssige Nebelschlieren in den Menschen versackt.

Zur Krönung dieser bereichernden halben Stunde hält ein Auserwählter eine kleine Inspiration. Auserwählt deshalb, weil wir alle ausgelost werden, freiwillig etwas Inspirierendes vortragen zu müssen. Es gibt auf der Welt wahrscheinlich keinen simpleren Vortrag als diesen, denn er muss nicht mal lang sein und darf alles beinhalten, solange es denjenigen, naja, nun mal inspiriert. Und doch ist das eine der gefürchtetsten Aufgaben im ganzen Unternehmen. Wenn angekündigt wird, wer nächste Woche dran ist, werden die Schultern in diesem luftleeren Raum auf einmal hochgezogen und Adrenalin lädt zu einer fetten Party ein. Vielleicht ist das einfach nur ein kluger Schachzug des Managements, Schwung in die Bude zu bringen. Eines kann ich euch allerdings sagen: Es gibt keine bessere Möglichkeit, seine Kollegen kennenzulernen. Wenn sich da jemand hinstellt, drei Wörter nuschelt und ein Video zeigt, von dem offensichtlich ist, dass es wahllos ausgesucht wurde, sagt das genauso viel aus wie über jemanden, der sein Lieblingsbuch präsentiert.  

Ich hatte – wie alle anderen sagen würde – Glück und wurde nie ausgelost und doch hatte ich immer einen widernatürlichen Wunsch, dranzukommen. Ich möchte nicht lügen, ich bin vieles, aber sicher nicht die Gelassenheit in Person und auch ich hatte eine seltsame Angst vor dieser Inspiration. Aber gleichzeitig wurde ich magnetisch davon angezogen. Weil ich darin eine geschenkte Möglichkeit sah, Menschen von Dingen zu begeistern, die mir wichtig sind. Und ich mag es vor Menschen zu sprechen und ich mag es, sie von dem zu überzeugen, was mich persönlich bewegt. Ich habe nur ein großes Problem: Ich bin immer so scheiße nervös davor. 

Nervosität ist für mich wie ein straffes Bungeeseil – es zieht mich immer wieder ungnädig zurück. Als würde ich an einer Leine hängen, die mich immer wieder einengt, wenn ich begeistert in eine Richtung gehe. Es ist die strenge Stimme in mir, die mich ermahnt, den Spieltrieb nicht zu ernst zu nehmen. Ich hasse sie. Wirklich. Denn oft ist sie so groß, dass sie mein Gehirn völlig vernebelt und sich leider, leider auch nach Außen zeigt: Ich kriege rote Flecken im Gesicht und meine Stimme fängt an zu zittern. Wenn sie zu groß wird, treibt sie mich nicht an, sondern limitiert mich in meinen Fähigkeiten. Nervosität kann ich so wenig leiden, dass ich ihr am liebsten niemals begegnen möchte. Was ich jedoch noch weniger leiden kann: Wenn mich etwas davon abhält, das zu tun, was ich eigentlich möchte.

Und deshalb schrieb ich – provisorisch –  einen Vortrag über Gewaltfreie Kommunikation und sagte mir: Wenn die nächste Gelegenheit kommt, halte ich diesen Vortrag, der schon fertig vor mir liegt. Wie das Schicksal immer so spielt, wenn man es herausfordert, musste ich nicht lange auf meinen Auftritt warten und es wurde ein Freiwilliger für die kommende Woche gesucht. Noch in dem Moment, in dem ich meine Hand hob, wurde sie schweißnass. Und so blieb sie auch bis zum besagten Montag als ich unruhig im Halbkreis mit meinen Kollegen stand und darauf wartete, dass mein Name aufgerufen wurde.

Ich ärgerte mich darüber, dass ich so nervös war, während sich wirklich keiner für das interessierte, was als Nächstes passierte. Aber der Punkt war nun mal der, dass mir das Thema wichtig war. Dass ich zumindest einen Menschen wirklich inspirieren wollte. Und ja, meine Arbeitskollegen waren nicht unbedingt das beste Publikum dafür. Aber mir war es egal, ob das, was da jeden Montagmorgen geschah, eigentlich total unwichtig war. Denn sind das nicht eigentlich die besten Gelegenheiten, etwas Unwichtiges in etwas Bedeutsames umzuwandeln? Der wahre Erfolg liegt doch darin, 15 Menschen von etwas zu überzeugen, die vorher skeptisch sind, als 1500 Menschen, die sowieso schon auf deiner Seite sind. Wer klug ist, nutzt jede noch so kleine Bühne, um bereit zu sein, wenn schließlich die Große kommt. Und wer anständig ist, grüßt die Reinigungskraft genauso höflich wie den höchsten Chef.

Ich hielt meinen Vortrag und wusste nicht, ob mein Stimme gezittert, oder ob das, was ich gesagt hatte, gut war. Aber ich bildete mir ein, am Ende mehr Applaus bekommen zu haben als sonst. Einen Tag später jedoch sprach mich ein Kollege an. Ich ging an ihm vorbei und ich weiß noch, wie er nach hinten gelehnt da saß und sein grauer Pullover eins wurde mit seinem Bürostuhl. Ich mag ihn wirklich gern, aber er ist einer von diesen Menschen, die gerne beobachten, aber nie sagen, was sie davon halten. Er stellte mir eine Frage: „Warst du nervös bei deinem Vortrag?“

Diese eine Frage reichte aus, um mich maßlos zu enttäuschen und meine Schultern hingen tiefer als die meiner Kollegen. Meine Frage, ob man mir das angemerkt hätte, bejahte er. Das, wovor ich mich am meisten gefürchtet hatte, war also eingetroffen. Dass ausgerechnet meine Nervosität das war, was ihm scheinbar am Präsentesten in Erinnerung geblieben war, frustrierte mich. Dann jedoch sagte er noch etwas, das ich wahrscheinlich nie vergessen werde. Er senkte die Stimme genauso tief wie seine Brille hing und sagte: „Du hast es dir aber auch schwer gemacht mit deinem Thema. Wieso hast du dir nicht einfach etwas Leichtes ausgesucht?“

In dem Moment begriff ich, dass er wiederum nicht verstanden hatte. Und das war letztlich auch der Moment, in dem ich entschied, niemals den leichten Weg zu gehen, wenn das bedeutete, meine Stimme nicht erheben zu können. Dass ich niemals schweigen werde, nur damit meine Stimme nicht zittert. Dass ich lieber jeden Tag nervös bin und in Kauf nehme, dass mich 100 Menschen belächeln, wenn am Ende einer dabei ist, der es nicht tut.

In der Woche kamen noch drei andere Kollegen und Kolleginnen auf mich zu. Zwei sagten mir, sie hätten das Buch gekauft, das ich ihnen empfohlen hatte. Eine sagte mir, ich könne so gut reden. Manchmal muss man bewusst auf die Menschen zugehen, die einen möglicherweise begrenzen, um in deren Schatten diejenigen zu finden, die funkeln.


Feigheit führt nicht weiter.

Jo Lendle

2 Kommentare zu „Die Geisterversammlung

  1. Hallo Sophieli,
    Das hast du wunderschön geschrieben – so angenehm zu lesen und ich habe viel gelacht!
    Und so ein gutes Thema mit einer so wichtigen Message! Du machst das richtig, bring mal etwas mehr Feuer in den langweiligen Büroalltag! Und wie du siehst hast du nicht nur einen berührt, sondern mindestens 3 und vielleicht sogar noch mehr :)

    Gefällt 1 Person

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