Treffen sich Truman und Neo

Manchmal glaube ich, ich bin Protagonistin der Truman Show. Und an anderen Tagen meine ich als einzige erkennen zu können, was ist, während alle anderen in der Matrix leben. Ich sehe Neo auf der einen, Truman auf der anderen Seite und frage mich, was wahr ist. Im Friedvollen Krieger heißt es, das Leben sei paradox und deshalb macht es keinen Sinn versuchen zu wollen, es zu ergründen. Ich denke, dass das grundsätzlich stimmt. Die Suche nach der Wahrheit ist ein Fass ohne Boden, man kann dabei nur verlieren und ganz besonders sich selbst. Würde ich das Leben und mich jedoch nicht regelmäßig hinterfragen, käme ich mir vor, als würde ich mich selbst verraten. Wie kann man also einen gesunden Bezug zu der eigenen Welt schaffen in der man lebt? Wann weiß ich, ob das, was ich denke richtig ist, während alle anderen meinen, es sei falsch? Wenn ich meinem eigenen Gefühl nicht trauen kann, was bleibt mir dann?

Ich hatte einen Freund, der war unschlagbar im Argumentieren. Er konnte alles immer und jederzeit zu seinen Gunsten wenden. Er schlug mich, egal wie sehr ich es auch probierte, regelmäßig verbal K.O. Ich fühlte mich danach oft erschöpft und irgendwie schwach. Denn es gab nichts, was ich noch sagen konnte, aber gleichzeitig fühlte ich mich von ihm nicht überzeugt. Ich blieb bei meiner Meinung, ich fühlte sie immer noch, aber es gab keine Argumente mehr dafür. Es war so, als würde ich an etwas glauben, wofür es keine Grundlage mehr gab. „Ok, du hast gewonnen“, war der Satz mit dem ich die meisten Diskussionen resigniert beendete. Ich glaube jedoch, so frustrierend diese Situationen für mich auch waren, für ihn waren sie es noch mehr. Denn ich war nicht die Einzige, die sich geschlagen gab, er hörte es von allen Seiten. Er wollte nie gewinnen, wie er meinte, und es brachte ihn zur Verzweiflung, dass das alle immerzu behaupteten. Er fühlte sich oft allein auf der Welt, aber ich verstand ihn sehr gut. Er wollte keinen unnötigen Streit mit seinen Freunden, aber was war falsch daran, wenn er nun mal die besseren Argumente hatte? Es ist ein schmaler Grat: Wenn man immer wieder wegen der gleichen Dinge mit anderen Menschen in Konflikt gerät, hat man dann ein Problem, dass man ändern muss oder steht man für sich ein? Wahrzunehmen, dass andere meinen, man sei falsch, sich selbst aber nicht so zu fühlen, kann tiefe Identitätskrisen auslösen, wenn man sich nicht – aus welchen Gründen auch immer – klar positionieren kann.

Fakt ist: Jeder hat seine eigene Wahrheit. Wenn ich eine blaue Brille aufsetze, bleibt die Zitrone gelb – obwohl sie für mich grün erscheint. Wir laufen alle mit unserer ganz persönlichen Sehhilfe durch das Leben und deshalb macht es einfach keinen Sinn, es in Richtig oder Falsch einordnen zu wollen. Das Einzige, was wir tun können, ist uns unserer eigenen Werte bewusst zu werden und letztendlich nach ihnen zu leben. Wenn mir Ehrlichkeit im Leben wichtig ist, sollte ich selbst auch ehrlich sein. Wenn ich mir mehr Verbundenheit wünsche, muss ich mich auch öffnen können. Ich glaube: Wer seine persönlichen moralischen Grundsätze kennt und nach ihnen lebt, der kann sich subjektiv gar nicht falsch verhalten. Denn, egal wie verunsichernd das Leben manchmal sein kann, solange man sich selbst treu bleibt, steht man mit mindestens einem Fuß auf dem Boden.

Letztendlich ist auch die Frage, welches (unbewusste) Motiv hinter einer Reaktion steckt. Wollte mein Freund in einer Diskussion seine Überlegenheit zum Ausdruck bringen, um sein geringes Selbstwertgefühl zu kompensieren oder hatte er sich einfach nur gut informiert und war nun mal geschickter in seiner Rhetorik? Im ersten Fall handelt es sich um den verzweifelten Versuch eine völlig andere Tragödie zu beenden. Und das wird nicht funktionieren. Im zweiten Fall jedoch, wäre es nicht richtig, seine Kompetenz zurückzuschrauben, nur damit die anderen glücklicher sind. 

Das eigentliche Drama an dieser Geschichte ist, meiner Meinung nach, aber noch ein ganz anderes. Schon Platon legte in seinem Höhlengleichnis eindrucksvoll dar, wie Realität und Wahrheit auseinanderdriften können. Tatsächlich ist die Erörterung der Wahrheit eine der Kernfragen der Philosophie – der „philosophía“, der „Weisheitsliebe“. Was mich jedoch schon immer an der Lehre vom Erkennen und Wissen gestört hat, ist, dass alles, was dort passiert, meistens nur im Kopf geschieht. Aber kann man das Leben nicht vielmehr verstehen, indem man es schlichtweg aktiv lebt und weniger passiv erdenkt? Aber machen wir uns nichts vor: Ich bin – mit allen Gedanken, die ich immer so habe – nicht besser als die Philosophen. Ich weiß nicht, ob meine Eltern wussten, dass ich die Weisheit lieben würde, oder ob ich irgendwann angefangen habe, mich zu sehr mit meinem Namen zu identifizieren. Aber sie tauften mich auf den Namen Sophie und ich schätze, in jedem Fall wurden mir die Gedanken mit in die Wiege gelegt. Trotzdem – oder gerade deshalb, um das Schicksal meines Namens auszugleichen – erinnert mich meine Mutter immer wieder daran, weniger zu denken und stattdessen einfach mehr zu sein. Ich glaube, dass es letztendlich genau darum geht, wenn man versucht, die Wahrheit der eigenen Person zu verstehen. Einfach nur zu sein. 

 

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