Kurz erklärt: Gewaltfreie Kommunikation

Wie schön wäre doch diese Welt, wenn wir uns stets auf unser größtes Potenzial verlassen könnten: Kommunikation. Es gibt kaum eine andere Ressource, die stärker von uns Menschen missverstanden wird als diese. Kommunikation ist unser Schlüssel, unser Joker, unsere Brücke, unsere Wunderwaffe. Aber wie das bei Waffen nun mal so ist, können sie ein Trümmerfeld hinterlassen. Wie auf einer Wippe sitzen sich gelungene und misslungene Kommunikation gegenüber und wir allein entscheiden, wer von beiden heute schwerer wiegt. Dabei bin ich absolut überzeugt: Wer ehrlich, offen und aufrichtig miteinander redet, kann am Ende nur gewinnen. Immer. Trotzdem stelle ich wieder und wieder traurig fest, dass so viele Probleme entstehen, die nicht sein müssten. Dass Konflikte sich aufplustern, weil Streithähne meinen, ihr Gefieder präsentieren zu müssen. Dass Enttäuschungen, Vorwürfe und Machtspiele eskalieren, nur weil nicht angemessen kommuniziert wird – und das vielleicht schon seit Jahren.

Wir denken, fühlen und reagieren auf Grund unserer Erfahrungen, weshalb keine Welt der anderen gleicht. Wer daher davon ausgeht, sein Gegenüber erlebe in der Interaktion gerade genau das Gleiche wie er, begibt sich ins Krisengebiet. Wir können die Welt des anderen nicht erkennen, aber – und das ist zentral – wir können sie ihm erklären.

In Konfliktsituationen gelassen reagieren

Zu erkennen, dass das, was der andere sagt und tut aus dessen Welt heraus geschieht, aber absolut nichts mit uns selbst zu tun hat, ist das ultimative Geheimnis eines jeden Miteinanders. Viel zu oft nehmen wir es persönlich, wenn jemand unfreundlich ist. Viel zu oft urteilen wir über andere und verschließen uns, wenn wir uns ungerecht behandelt fühlen. Dabei vergessen wir jedoch regelmäßig, dass der Ausbruch dieser Person viel mehr über sie als über uns selbst sagt.

Stellt euch also vor, ihr könntet gelassen reagieren und wärt nicht gekränkt, wenn ihr das nächste Mal verbal angegriffen werdet. Stellt euch vor, ihr könntet eure Enttäuschung einem Menschen mitteilen, sodass dieser es auch wirklich versteht. Stellt euch vor, dass Sätze wie „Du verstehst mich nicht!“ oder „Du hörst mir nicht richtig zu!“ überflüssig werden. Wie viel Energie könnte man dadurch sparen? Wie viel leichter wäre das Leben und wie wenig müsste man sich dann vor Konflikten scheuen? Die gute Nachricht: das geht.

Marshall B. Rosenberg – Vater der gewaltfreien Kommunikation

Der amerikanische Konfliktmediator Marshall B. Rosenberg hat in den 1960er Jahren das Konzept der Gewaltfreien Kommunikation (GFK) entwickelt, mit dem Ziel eine Anleitung zur deeskalierenden Kommunikation anzubieten. Sein Ansatz: sich einfühlen. Wer sich empathisch mitteilen, aber auch zuhören kann, bietet dem Kommunikationspartner einen Raum an, in dem Vorwürfe, Frustrationen oder einfaches Unverständnis keinen Platz haben. Denn letztendlich sind wir viel gewillter, dem anderen zuzuhören und Bedürfnisse zu erfüllen, wenn wir nicht das Gefühl haben, für das Glück des anderen verantwortlich zu sein.

Dass verbale Anschuldigungen durchaus eine Form von Gewalt sein können, weiß jeder, der das schon einmal erlebt hat. Und auch wenn Rosenberg genau diese Art von Gewalt mit seinem Konzept vermeiden will, geht es bei der Namensnennung seines Konzepts noch um etwas anderes: Er beruht sich dabei auf Ghandi, der der Meinung war, dass wir erst dann wieder aufrichtig mitfühlen können, wenn unsere innere, persönliche Gewalt schwindet, die wir gegen uns selber hegen.

Innere Gewalt auflösen

Es geht also darum, dass wir uns viel zu oft selbst geißeln und uns mit Altlasten selber wehtun. Erst wenn wir diese Loslassen, wenn wir unsere eigene, innere Gewalt auflösen, sind wir auch fähig, dem anderen offen gegenüberzutreten – und einfühlsam zu reagieren. Bei dieser Form der Kommunikation geht es darum, sein Ego mal gekonnt zu ignorieren. Ärger nicht mit Ärger zu begegnen, nur weil der Wolf mal wieder in einem schreit.

Das klingt zunächst recht theoretisch, aber ich verspreche euch: Wer diese Art der deeskalierenden Kommunikation mal eine Weile durchzieht wird merken: Wirklich mächtig wird man dann, wenn man sich erlaubt, seinen Stolz nicht siegen zu lassen. Bei diesem Modell wird häufig verkannt, dass gewaltfreie Kommunikation nicht bedeutet, eine Situation nachsichtig zu akzeptieren, sondern ganz im Gegenteil, sich konkret und direkt zu äußern. Der klare Vorteil der Geschichte: Konflikte erhalten nicht die Kraft sich nach und nach immer weiter aufzuladen, wenn man eine Möglichkeit sieht, dem Gegenüber direkt mitzuteilen, was gerade Sache ist.

Die vier Schritte der gewaltfreien Kommunikation

Wie soll das Ganze nun also funktionieren? Um sich mitfühlend mitteilen zu können, bedarf es laut Rosenberg vier Schritte: beobachten, fühlen, Bedürfnisse äußern, bitten.

1. Beobachten – ohne zu bewerten

Nehmen wir an, ihr seid mit einem guten Freund verabredet und dieser versetzt euch, ohne abzusagen. Das ist uncool und ihr ärgert euch. Vor allem auch deshalb, weil das nicht zum ersten Mal passiert und eigentlich war das ja sowieso schon zu erwarten. Zack sitzt ihr fest, in der Wutspirale. Was an dieser Stelle passiert ist, dass für eine einzige Situation ein ganzes Szenario skizziert wird. Aber was ist eigentlich passiert? Beobachten heißt, ganz objektiv zu schildern, was geschehen ist. Ein Gespräch darüber, in dem ihr mitteilt, wie ihr über die Situation denkt, könnte in etwa so eröffnet werden:

„Wir waren verabredet und du bist nicht gekommen. Ich habe im Vorfeld auch keine Nachricht von dir erhalten, dass unser Treffen ausfällt.“

Das klingt im ersten Moment unangenehm, aber das sind die nüchternden Fakten. Diese lassen sich, objektiv betrachtet, nicht von der Hand weisen.

2. Fühlen – ohne zu bewerten

Im zweiten Schritt geht es darum zu beschreiben, was man fühlt, während man in dieser Situation war oder immer noch ist. Der andere hat möglicherweise den Auslöser für dieses Gefühl gegeben, die Ursache liegt hingegen in der eigenen, inneren Wirklichkeit.

Gefühlswörter zeichnen sich dadurch aus, dass sie keinen Vorwurf tragen. Solche „Vorwurfsgefühle“ wiederum erkennt man daran, dass sie mit „Ich fühle mich …“ einleitet werden, wie z.B. „Ich fühle mich hintergangen“. Echte Gefühlswörter hingegen brauchen diesen Zusatz nicht, wie z.B. „Ich bin traurig“ oder „Ich bin betroffen“.

Bleiben wir also bei unserem Beispiel. Im zweiten Schritt könnte das Ego schreien: „Ständig taucht der Freund nicht auf. Ich fühle mich vernachlässigt und ungerecht behandelt.“ Damit findet allerdings bereits eine Bewertung statt, die den anderen eher von der Kommunikation weg- als hinführt. Ertragreicher wäre nach Rosenberg:

„Ich bin wütend. Und verunsichert, wenn du nicht kommst und ich werde ungeduldig, wenn ich warte, weil ich Zuverlässigkeit brauche.“

3. Bedürfnisse äußern – statt automatisierte Strategien anzuwenden

Ein Gefühl entsteht dann, wenn ein Bedürfnis als befriedigt oder unbefriedigt wahrgenommen wird. Wenn mir Zuverlässigkeit wichtig ist, dieses Bedürfnis aber nicht erfüllt wird, fühle ich mich eventuell verunsichert. In diesem Schritt geht es also darum, sich zu fragen, worum es hier wirklich geht. Was brauche ich? Was ist das unbefriedigte Bedürfnis, das hinter dem Konflikt steht?

„Ich lege viel Wert auf Verbindlichkeit und Zuverlässigkeit.“

4. Bitten – statt fordern

Der vierte Schritt der gewaltfreien Kommunikation klingt banal, ist jedoch unglaublich zentral. Denn wenn ich meinem Gegenüber nun artig erklärt habe, wie ich mich fühle und was ich brauche, weiß dieser trotzdem nicht, wie er damit umgehen soll. Deshalb muss eine Bitte der reflektierten Innenwelt folgen, damit der andere weiß, was er in diesem speziellen Fall tun kann. Die Betonung liegt auf „tun kann“, denn eine Bitte erkennt man – im Gegensatz zu einer Forderung – daran, dass der andere „Nein“ sagen kann. Eine Bitte ist verhandlungsfähig, eine Bitte kann auch abgeschlagen werden, ohne dass dies gleich zu Konsequenzen führt.

Würdest du mir das nächste Mal rechtzeitig Bescheid geben, wenn du es nicht zu unserem Treffen schaffst?

Enfühlsam zuhören

Für wen sich das mitfühlende Äußern noch sehr fremd anhört, dem empfehle ich den umgekehrten Weg: einfühlsames zuhören. In meinen Augen ist es DAS zentrale Werkzeug, um in jeder Situation Zugang zu einem Menschen zu bekommen. In diesem Fall nimmt man die Gegenposition ein, erfordert jedoch noch mehr Ignoranz des eigenen Egos.

Stellen wir uns also vor, ich bin nicht die, die versetzt wurde, sondern die, die versetzt hat. Der Freund kommt nun auf mich zu und lässt seinen Ärger an mir aus. Ich habe nun drei Möglichkeiten zu reagieren:

1. Ich gehe in den Gegenangriff über und weise jede Schuld von mir

2. Ich erkenne meinen Fehler und überlade mich mit Schuldgefühlen

3. Ich erkenne meinen Fehler, bewahre aber trotzdem die Distanz zum emotionalen Ausbruch meines Gegenübers

Die ersten beiden Fälle füttern die innere Gewalt nur weiter. Damit ist niemandem geholfen. Im dritten Fall jedoch könnt ihr reagieren, indem ihr auf euren Kommunikationspartner zugeht. Ihr könntet beispielsweise folgende Fragen oder Vermutungen aufstellen, die auf die Gefühle oder Bedürfnisse eures Angreifers abzielen:

Ich höre, dass du enttäuscht bist, dass ich nicht gekommen bin. Stimmt das? Bist du wütend, weil ich dir nicht abgesagt habe? Fühlst du dich unsicher, weil ich dir keine klare Ansage gemacht habe? Brauchst du möglicherweise mehr Zuverlässigkeit von mir?

Es geht nicht darum, dass letztendlich alles von dem stimmt, was man vermutet oder dass die Gefühle oder Bedürfnisse gleich erfüllt werden müssen, die in den Raum gestellt werden. Es geht lediglich darum, den Raum überhaupt erst zu öffnen, ins Gespräch zu kommen. Dem anderen das Gefühl zu geben, dass man ihn wahrnimmt, seine Gefühle ernst nimmt und wirklich zuhört. Erst wenn wir uns wieder auf der gleichen Konversationsebene befinden und kein Ungleichgewicht mehr herrscht, können wir über das reden, was uns wirklich bewegt.

Gewaltfreie Kommunikation als Verbindungsaufbau

Ich gebe zu: Eine solche Konversation klingt zunächst ein wenig gestellt. Ich bin auch der Meinung, dass es hier und da auch dazu gehört, seinen Emotionen einfach mal ungefiltert und vielleicht auch ein wenig unfair freien Lauf zu gewähren – solange niemand dabei verletzt wird. Ich möchte euch trotzdem ermutigen, diese Form der Kommunikation einmal auszuprobieren, wenn ein Konflikt zu eskalieren droht. Es ist immer sinnvoll, wenn zumindest einer von beiden einen klaren Kopf bewahrt und sich nicht von seinem inneren Angreifer leiten lässt.

Nochmal: Das heißt nicht, dass wir einfach darüber hinwegsehen, wenn jemand uns unangemessen angeht oder beschuldigt. Es geht darum, dass wir überhaupt erst die Möglichkeit kreieren, über die Anschuldigungen zu sprechen.

Wer jetzt denkt: Davon will ich mehr! Und Lust hat, weiter in das Thema einzusteigen, dem empfehle ich folgende kleine Einstiegslektüre. Viel Erfolg!



Wenn die Giraffe mit dem Wolf tanzt: Vier Schritte zu einer einfühlsamen Kommunikation

4 Kommentare zu „Kurz erklärt: Gewaltfreie Kommunikation

  1. Sehr schöner Beitrag über ein interessantes und wichtiges Thema! Insbesondere die Schritt-für-Schritt-Anleitung mit Beispielen gefällt mir. Die macht das Ganze wirklich plastisch!

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