Der Mensch ist das Ziel

Als ich frisch getrennt war und der Liebeskummer zu groß, um ihn auszuhalten, genoss ich zumindest einen Vorteil: Ich war absolut angstfrei. Gefühlt hatte ich alles verloren, was es zu verlieren gab und damit schlussfolgernd nichts, wovor ich noch Angst haben brauchte. Glücklicherweise war ich nie lebensmüde, deshalb konnte ich diese gewonnene Freiheit sinnvoll kanalisieren. Und das tat ich auch. Ich sah mich auf meinem Spielfeld um und blickte all den Gegnern in die Augen, die sich über die Jahre angestaut hatten, trat ihnen furchtlos entgegen – und besiegte sie alle. Ich war auf einmal wahnsinnig erfolgreich. Ich fand das nur gerecht – ich nahm es als Trostpflaster dankbar entgegen und klebte es auf mein kaputtes Herz.

Es gab nur ein Problem: Ich konnte noch so viele Erfolge feiern, noch so viele Talente entdecken, noch so viel Selbstvertrauen tanken – wenn ich abends heimkam und die Tür hinter mir schloss, waren da nur ich und diese Stille, die lauter war als jedes gesprochene Wort. Kein Erfolg konnte heilen, was im Innern zerbrochen war. Das war der Moment, in dem ich ahnte, dass keine Leistung dieser Welt mir das geben kann, wonach ich mich wirklich sehne: geliebt zu werden. Ich realisierte, dass die Furchtlosigkeit, die ich nach Außen trug, dadurch kompensiert wurde, dass sie sich im Innern verdoppelte.

Es gibt Momente, da wünsche ich mir, ich wäre bekannter als ich es bin. Dass ich etwas so gut kann, sodass sich viele Menschen dafür interessieren. Weil ich in meiner Vorstellung dann irgendwas erreicht hätte, was die Menschen bewegt. Weil das, was ich täte, wichtig wäre – zumindest für ein paar. Weil ich meinen Erfolg dann an der Anzahl von Fans festmachen könnte, weil meine Leistung dann endlich messbar würde und ja, damit auch mein Wert.

Aber dann stelle ich mir vor, wie das wirklich wäre. Wie ich auf einer Bühne stünde, zum Beispiel, und die Leute mir zujubeln. Wie sie mir begeistert zustimmen bei dem, was ich dort sage. Oder mich für das bewundern, was ich scheinbar so gut kann. Und im ersten Moment fühlt sich das gut an. Aber dann? Fühle ich nur diese grenzenlose Leere. Denn ich bin mehr als das, was ich dort oben zeige. Und wenn ich Anerkennung für das bekomme, was ich leiste, fehlt mir die Anerkennung für das, was ich bin. Das, was ich bin, ohne ein besonderes Talent, ohne ein spezielles Hobby, ohne die Beste in etwas zu sein. Ohne irgendwas sein zu müssen.

Eines habe ich auf jeden Fall gelernt: Wir können noch so oft versuchen, anders zu sein, Masken aufzusetzen, Neues zu lernen, noch bessere Leistungen zu bringen – es wird niemals reichen. Es wird niemals reichen, um mehr geliebt zu werden. Denn das, wofür wir wirklich geliebt werden, ist unser Kern, das, was schon immer in uns steckt. Wer versucht, durch Anerkennung für sein Tun, die Leere in seinem Inneren zu kompensieren, begibt sich auf einen Pfad ins Nichts. Das zu kapieren, macht frei. Denn wir können aufhören, unsere Energie damit zu verschwenden, nach Geistern zu jagen und uns stattdessen entspannt zurücklehnen, weil wir schon längst alles haben.

Viel zu oft verkennen wir, dass es viel weniger um das geht, was wir als Produkt unserer Leistung präsentieren können, sondern um das, was uns als Menschen ausmacht. Es ist das Wesen eines Menschen, das Auftreten, die Art zu denken und zu sein, die den anderen wirklich ausmachen. Es ist nicht das fehlerfreie Klavierspielen oder das Jobangebot als Führungskraft, das den anderen besonders oder interessant macht. Es ist der Weg dahin: die Begeisterungsfähigkeit am Spielen, die Ausdauer oder der starke Wille, der dem Charakter zuzuschreiben ist. Ich glaube, wir erkennen Menschen vor allem dann, wenn wir das Umfeld operationalisieren. Wenn wir also alles ausblenden, was objektiv messbar ist.

Es gibt da diesen einen Spruch, den wohl jeder kennt: Der Weg ist das Ziel. Was wie eine leere Floskel klingt, die sich ein Glückskeksfabrikant einst ausgedacht hat, ist in Wahrheit essentiell. Ich würde jedoch noch einen Schritt weiter gehen: Der Mensch ist das Ziel. Das Ziel ist nicht, etwas zu können, etwas zu erreichen, woran wir unseren Wert messen können, sondern uns als Menschen zu erkennen, als das, was wir sowieso schon immer waren. Alles, was darauf folgt, ist die Kirsche auf der Sahnehaube, das I-Tüpfelchen, lediglich ein Ausdruck dessen, was schon lange ist.

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