Die Ego-Falle

Letzte Woche saß ich inmitten fünf Mitte fünfzigjähriger Isländerinnen und lernte für mein Leben, dass das Leben im hohen Norden wiederum vor allem eines hervorbringt: Frohnaturen. Ich wusste vorher schon, dass Island zu den glücklichsten Ländern der Welt zählt, aber irgendwie konnte ich das nie so richtig glauben. Ich war noch nie dort und es muss da wirklich schön sein, keine Frage. Aber diese Dunkelheit? Diese Kälte? Diese Einöde? Kann das auf Dauer so glücklich machen? Es kann, ganz offensichtlich, und zwar nicht nur so ein bisschen. Diese fünf Frauen kamen wie Göttinnen daher, in ihren schicken langen Kleidern, topgestylt und mit dem schönsten Accessoire, das es gibt: glücklich sein.

Wie es der Zufall so wollte, saß ich allein mit ihnen an einem Tisch beim Abendessen und obwohl ich sie bis dato nicht kannte, wirkten sie mir dank ihrer Warmherzigkeit alles andere als fremd. Ich war so fasziniert von ihrer Art, das Leben zu feiern, dass ich am liebsten noch viele weitere Stunden einfach nur dasitzen und beobachten und zuhören wollte. Denn diese Frauen waren Gold: Sie ließen durch ihre bloße Präsenz das Leben leicht werden.

So saß ich also da und nahm mir vor, ihren aufregenden Geschichten zu lauschen, aber stattdessen … wollten sie alles über mich erfahren. Und ich ließ es geschehen. Bis ich mich nach kurzer Zeit dabei ertappte, wie ich ihnen die Welt erklärte. Und während ich mich selbst bei meinem Weltverbesserungsmonolog beobachtete, legte ich kopfschüttelnd die Stirn in die Hände und fand mich ziemlich schräg. Wie kam ich – Ende Zwanzig – dazu, fünf – ziemlich lebensweisen – Frauen das Leben zu erklären?

Ich kann es nicht leiden, wenn Menschen Menschen missionieren. Das fängt schon bei der Ernährung an, wird in der Politik kritisch, fängt aber richtig an zu nerven, wenn es um persönliche Selbstentfaltung geht. Gerade bei Themen wie Selbstverwirklichung oder auch Selbstliebe beobachte ich immer wieder Leute, deren Leben sich revolutioniert, weil sie beginnen, sich damit erstmalig auseinanderzusetzen. Dabei erkennen sie vielleicht, dass sie jahrelang im Schatten der Erwartung anderer gelebt haben und beginnen, sich selbst mehr in den Fokus zu rücken. Das ist auch gut so. Bis zu einem gewissen Grad. Wer in diesem Stadium allerdings stagniert, tappt ganz schnell in die Ego-Falle.

Das sind dann all die Menschen, die von ihren Erfahrungen predigen, ihre neue Weltoffenheit beteuern und den Glanz ihrer Erkenntnisse als Lösung für alle Probleme ansehen. Das ist nicht weltoffen, das ist egozentrisch. Nur weil das Thema Selbstliebe durchaus positiv besetzt ist und mit Sicherheit ganz viel Gutes in die Welt bringt, ist es ein schmaler Grat zwischen Inspiration und Blendung. Nur weil wir nach etwas leben und streben, heißt das nicht, dass es ein anderer auch tut. Nur weil wir uns selbst und unsere Situation akzeptieren und es uns damit besser geht, heißt das nicht, dass es ein anderer auch tut. Und nur weil es uns hilft, hilft es noch lange nicht zwangsläufig jemand anderem. Verständnis für sich und seine Situation aufzubringen, schafft inneren Frieden. In einem weiteren Schritt jedoch völlig wertfrei auf einen anderen Menschen zuzugehen, schafft ein wirklich offenes Herz.

Was mir immer dabei hilft, aus meinem Mikrokosmos aus- und vom Ego-Thron abzusteigen, mich wirklich demütig werden lässt, sind Begegnungen mit älteren Menschen. Weil sie mich immer wieder daran erinnern, wie wirklich wenig ich doch vom Leben weiß. Und wie viel spaßiger das Leben wird, gerade weil ich es nicht tue. Weil so viel Lebenserfahrung mir plakativ vor Augen führt, wie klein meine Probleme in Wirklichkeit gerade sind. Es lehrt mich, mich selbst eben nicht so wichtig zu nehmen. Und die Dinge einfach so zu lassen, wie sie sind und ihnen damit das Gewicht zu nehmen. Sie erinnern mich daran, was wirklich im Leben zählt und zeigen mir auf, wann ich mich verrenne. Aber vor allem glaube ich älteren Menschen am allermeisten, dass am Ende alles gut wird, denn sie müssen es ja wissen.

Und als meine isländischen Göttinnen mir also dabei halfen, mich wieder einigermaßen einzunorden, war mir eines zumindest ziemlich klar: Es wird alles verdammt gut. Und damit jede Missinierung überflüssig.

Vom Mond aus betrachtet, spielt das Ganze gar keine so große Rolle mehr.

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