Am Anfang war das Nichts

Eigentlich wollte ich heute darüber schreiben, wie leicht das Leben sein kann, wenn man seinem Herzen folgt. Wie sich die Dinge einfach so ergeben, wenn man genau das tut, was einem persönlich entspricht. Weil ich wirklich davon überzeugt bin, dass es so ist. Weil sich auch bei mir immer alles gefügt hat, wenn ich bedingungslos auf mein Herz gehört und daran geglaubt habe.

Nur: Was ist, wenn ich nicht weiß, was mein Herz will?

Wenn das eigene Herz zu einem stummen Diener wird, zu einer Blackbox, bei der ich vergebens um Einlass bitte. Wenn es einfach nicht mehr mit mir spricht. Ich treffe gern Entscheidungen, weil sie dem Leben eine Richtung geben. Aber wie soll ich mich für etwas entscheiden, wenn ich nicht weiß, was überhaupt zur Auswahl steht? Wenn es nicht darum geht, sich zwischen der Vernunft oder dem Herzen zu entscheiden, sondern wenn da einfach gar nichts ist. Rien, niente, nada – außer Unzufriedenheit.

Wenn ich keine klaren Ziele vor Augen habe, keine Antreiber, nichts, das mich motiviert, fühle ich mich unangenehm verloren als hätte ich mich im schwarzen Nichts des Universums verirrt, innerlich leer, was sich allerdings nicht schwerelos anfühlt, sondern im Gegenteil, überraschend viel wiegt. Innere Leere kann ganz schön brutal sein. Sie ist zäh und schmerzvoll und ja, auch ziemlich furchteinflößend. Und oft ist diese dunkle, stille Leere so einschüchternd, dass ich vergesse, dass ein Nichts gleichzeitig auch immer ein Alles sein kann.

Ich saß letztens in einem Seminar, bei dem wir alle eine Karte aus einem Tarotkarten Set ziehen sollten. Tarotkarten sind für mich wie Horoskope – sie passen immer irgendwie, weshalb ich ein sehr zwiespältiges Verhältnis zu ihnen habe. Also zog ich auch an diesem Tag skeptisch, wenn auch ein bisschen gespannt, meine Karte. Und dann kam … Nichts. Im wahrsten Sinne des Wortes, denn die Karte war komplett schwarz, lediglich mit der plakativen Unterschrift „Leere“. Ich hatte die Leere gezogen. Ich war so enttäuscht, dass ich die Karte blitzschnell wieder umdrehte. Ich hoffte inständig, dass rechts und links niemand gesehen hatte, welch frustrierende Botschaft mein Leben angeblich beschrieb. Ich wollte diese blöde Leere nicht. Und schon gar nicht, dass sie mich mit ihrem tiefschwarzen Anblick provozierte.

Die Karte umzudrehen, half allerdings wenig. Sie hatte sich in sekundenschnelle in mein Gedächtnis eingebrannt. Es war nicht von der Hand zu weisen: Dass ich so seltsam emotional darauf reagierte, bewies nur einmal mehr, wie sehr mich die Leere traf. Diese Karte kam in ihrer Schlichtheit so aufdringlich daher wie ein weißes, leeres Blatt Papier, das darauf wartet, beschrieben zu werden. Als sich meine Enttäuschung ein wenig gelegt hatte, warf ich schließlich aber doch einen Blick auf die Bedeutung der „Leere“. Und stellte schließlich fest, dass ich wider Erwarten wahrscheinlich die beste Karte des ganzen Sets gezogen hatte.

Denn das Nichts mit seiner Orientierungslosigkeit kann zwar Angst einjagen, aber genau das eröffnet erst den Raum unzähliger Möglichkeiten. Wenn es nichts gibt, was uns eingrenzt oder in eine Richtung lenkt, können wir auf neue Ideen kommen, neue Wege sehen, kreativ werden. Man kann sich neu justieren, sich erlauben, anders zu denken, offener zu sein. Aus einem Nichts kann Alles entstehen. Wer mutig genug ist, Leere auszuhalten, wird unter Umständen mit etwas Großem belohnt – und verliert ganz nebenbei die irrationale Angst vor Stillstand, den es einfach nicht gibt.

Für mich gibt es allerdings kaum einen quälenderen Gefühlszustand als innere Leere aushalten zu müssen. Um das zu ertragen, hilft eigentlich nur eins: Vertrauen – was für mich jedoch nichts anderes ist als positiv bewertete Geduld und die rieselt mir gern wie Sand zwischen den Fingern hindurch. Aber am Ende hat man auf diesem Spielplatz der Ungewissheit namens Leben vor allem dann Spaß, wenn man eines hat: Ausdauer.

Ich glaube tatsächlich, dass das Herz immer und zu jeder Zeit ganz genau weiß, was es will – auch wenn das manchmal bedeutet, dass es für eine Weile schweigt, um den Kern des Ganzen reifen zu lassen. Und ganz manchmal ist die Stille auch einfach nur ein Appell an die Genügsamkeit, weil genau das, was gerade ist, vielleicht genau richtig ist.

Um weiter zu springen, muss man einen Schritt zurücktreten.

Französisches Sprichwort

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