Treffende Worte

Letztens saß ich mit einem Freund zusammen, den ich mit meinen Worten traf. Ich weiß bis heute nicht genau wohin und ob es letztlich gut, oder doch eher beängstigend für ihn war. Aber er erzählte mir eine Geschichte aus seinem Leben und mit allem, was ich über ihn wusste, war die Sachlage für mich klar. Das war nicht irgendeine Geschichte, es war eine Geschichte über Liebe. Und deshalb sagte ich ihm auch, was ich dachte. Ich sagte ihm das, was viele Menschen fühlen, aber nur wirklich wenige verstehen: Er habe Angst vor der Liebe.

Als ich ihm das sagte, fühlte er sich unvermittelt entwaffnet – und wahrscheinlich auch ganz schön nackt, was mir leid tat. Denn zugegeben: In Anbetracht dessen, dass wir uns zu dieser Zeit noch kaum kannten, wog diese These ganz schön schwer, besonders auch deshalb, weil sie so mitten ins Schwarze traf. Andererseits stellte es, nur indem ich es aussprach, eine Verbindung zwischen uns her, die deutlich tiefer war als viele andere, die ich seit Jahren führe.

Er behauptete, es gäbe viele Menschen in seinem Leben, die ihn weit besser kannten als ich – aber nie hatte ihn jemand so verstanden wie ich in diesem Moment und das erstaunte ihn sehr. Ich glaube jedoch, dass das nicht stimmt. Ich bin mir sicher, dass genau all die Menschen, von denen er sprach, ihn genauso verstanden – sie hatten es ihm nur noch nie so offen gesagt.

Dass wichtige Worte einfach so gedacht, nicht aber gesagt werden, macht mich immer wieder traurig. So viel Verständnis geht verloren, so viel Nähe, so viel ehrliche Anteilnahme, so viel Klarheit. Worte besitzen eine Wahnsinnsmacht und ja, deshalb können sie auch manchmal wehtun. Und ich kenne viele, die genau aus diesem Grund lieber gar nichts sagen. Die all die schönen Worte für sich behalten, aus Angst davor, etwas Falsches zu sagen. Aber wer auf seine Worte achtet und sie ausspricht, der erhält die Chance, die Schönheit in der Aufrichtigkeit zu finden. Ich finde es schade, dass es zur Ehrlichkeit heutzutage oft Mut bedarf, aber wenn es so ist, dann stehe ich zu Worten genauso wie zu allem anderen im Leben: Hope when the moment comes, / You’ll say /
I, I did it all (OneRepublic, I lived)

Ich hätte meinem Freund nicht sagen müssen, was ich denke. Und trotzdem hätte ich es gedacht. Es war riskant, ich wusste, dass ich mit meiner Aussage ein paar Stufen überspringe und möglicherweise eine Nummer zu tief einsteige. Und ja, viele Menschen wollen so etwas auch gar nicht hören, weil sie Verletzlichkeit immer noch mit Schwäche verwechseln. Aber warum sollte ich es für mich behalten, dass ich ihn wirklich verstand?

Dass er schlussendlich so überrascht über meine offenen Worte war, verwunderte mich allerdings wenig. Denn er ist jemand, der seine Worte lieber für sich behält. Er gehört zu diesen Menschen, die nie ganz anwesend sind, wenn man mit ihnen spricht; die – mindestens in Gedanken – gerade irgendwo anders lieber wären. Ich seh‘ die Angst in seinen Augen, wenn er lacht und den Tintenfleck in seinem Herzen, wenn er über das Leben spricht. Auch wenn er mir zuhört, scheint da immer etwas in seinem Kopf zu sein, was ihn zurückhält, was ihn beschäftigt und was ihn daran hindert zu sagen, was er wirklich denkt. Ich frage mich immer wieder, welches Geheimnis er wohl hat. Welche Worte er ständig mit sich herumträgt und wie schön es wäre, sie zu hören. Wenn Worte allerdings die Kraft besitzen, Nähe zu erzeugen, macht es Sinn, sie nicht auszusprechen, wenn man lieber die Distanz bewahrt.

Es ist seltsam, wie sich jemand von mir erkannt fühlen kann, von dem ich wiederum das Gefühl habe, es nicht zu tun. Wir alle haben das Bedürfnis irgendwo dazuzugehören; Bindung gehört zu den Grundbedürfnissen des Menschen. Es geht uns allen darum, einem anderen Menschen etwas zu bedeuten – auch denjenigen, die sich vor der Liebe fürchten. Hier wiederholt sich einmal mehr die selbstsabotierende Tragödie der Angst: Unter dem Vorwand dich schützen zu wollen, hindert sie dich daran, deine eigenen Bedürfnisse zu erfüllen.

Ich glaube, dass jeder seinen eigenen Weg gehen und für sich entscheiden muss, wie er sich diesem stellt. Aber wir haben jederzeit die Möglichkeit, den anderen, beispielsweise durch unsere Worte, auf dieser Reise zu begleiten. Letztendlich sind es immer die echten Verbindungen zu anderen Menschen, die im Leben wirklich zählen. Das sollten wir nutzen, als ein Zeichen von Liebe, auch wenn es manchmal Angst macht.


Hope that you fall in love
And it hurts so bad
The only way you can know
You gave it all you had
And I hope that you don’t suffer
But take the pain
Hope when the moment comes,
You’ll say
I, I did it all

OneRepublic, I lived

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