Das erste Buch des Lebens

Ich war vorgestern auf meiner ersten Hochzeit und da meine Erwartungen an diesen Tag höher waren als sie wahrscheinlich sein durften, war ich im Vorhinein insgeheim sicher, dass sie nicht erfüllt werden können. Aber so ganz entgegen jeder selbsterfüllenden Prophezeiung und wie so manchmal im Leben wurden sie letztendlich übertroffen. Und als ich da war, wurde mir auch ziemlich schnell klar, warum. Oder weswegen es praktisch unmöglich war, sie nicht zu erfüllen. Dieser Tag war ein Fest der Liebe – aber nicht nur der des Brautpaars. Es war ein Fest der Freundschaft, des Abschieds, des Erwachsenwerdens; für mich ein Tag, an dem ich all das lieben durfte, was bis dahin war und all das willkommen hieß, was nun folgen wird. Es klingt vielleicht ein bisschen zu rührselig, aber es gibt sie nun mal, diese Tage im Leben, die du nie vergisst, weil sie dir alles aufzeigen, was war, ist und sein wird.

Eine meiner besten Freundinnen hat geheiratet und meine anderen drei waren auch da. Zu fünft sind wir erwachsen geworden, zu fünft haben wir uns in den letzten 20 Jahren angefreundet, angepasst, auseinandergelebt und wieder zusammengefunden. Obwohl wir auf irgendeiner Weise immer zusammen waren, ist jede von uns ihren eigenen Weg gegangen, hat ihren eigenen Platz gesucht. Und jetzt sind wir fast 30 Jahre alt und die Erste von uns ist verheiratet. Ich weiß, dass das eigentlich nichts heißt, dass es nichts ändert. Wir suchen immer noch unseren Platz, sind immer noch auf dem Weg, ganz einfach, weil es immer so sein wird, weil der Weg nicht endet. Und doch fühlt es sich an, als wäre nicht nur ein Kapitel, sondern ein ganzes Buch mit einem Mal abgeschlossen. Aber nicht in einem traurigen Sinne – höchstens minimal sentimental – sondern, als könnte ich zufrieden sein und ziemlich erfüllt, dieses erste Buch aus der Reihe meines Lebens zuzuklappen. Teil 1 mit Happy End.

Dass ich so fühle, liegt wahrscheinlich auch daran, dass sich gerade auch grundsätzlich viel in meinem Leben ändert. Heute ist der 1. September 2019 und ab morgen bin ich laut Finanzamt offiziell „Schriftstellerin“. Ich mach mich selbstständig und gehe auf Weltreise und fange, gefühlt so ganz nebenbei, ein neues Leben an. Ich weiß nicht für wie lange, worin das Ganze letztendlich endet, aber ich weiß, dass diese Zeit, gerade jetzt, bleiben wird. Umso wichtiger und umso richtiger empfand ich diese Hochzeit, diese Party, weil ich mein Leben feiern konnte. Weil ich niemals dankbarer war als jetzt, für all das, was war. Und weil der Start in einen neuen Lebensabschnitt leichter fällt, wenn sich der voriger vollumfänglich abgeschlossen fühlt – und sich außerdem mit einem fetten Knall verabschiedet.

Ich habe in letzter Zeit viel über Freundschaft nachgedacht, nachdem ich Dinge über meine Freundinnen erfahren habe, die ich auch nach 20 Jahren noch nicht über sie wusste – aber sie über sich selbst wahrscheinlich auch nicht. Und das hat mich einige Tage ganz schön traurig gemacht. Weil mir klar wurde, dass es auch in den besten Freundschaften Dinge und Geheimnisse gibt, die man aus einer bestimmten Angst heraus nicht tut oder sagt, weil die eigenen Unsicherheiten im Innern lauter sind als das Vertrauen. Und das obwohl (oder gerade weil) wir gemeinsam erwachsen geworden sind. Und ich habe mich gefragt, was es geändert hätte, wenn ich früher über ihre Ängste Bescheid gewusst hätte. Ich glaube, es hätte tatsächlich eine ganze Menge geändert, aber vor allem noch mehr Nähe erzeugt. Denn nach wie bin ich fest davon überzeugt, dass Verletzlichkeit stark macht und dass das Zeigen von Schwäche aufrichtige Verbundenheit erzeugt.

So sehr ich mir auch gewünscht hätte, diese Dinge schon viel früher über euch zu erfahren, heute bin ich nicht mehr traurig. Denn wir sind so weit gekommen. Und dass ich heute noch Dinge über euch erfahren darf, ist nur ein Zeichen von Wachstum, von Entwicklung, vom Leben, so wie es nun mal läuft. Ich kann mit einem wirklich guten Gewissen dieses erste Buch zuklappen, denn obwohl wir uns nicht mehr so häufig sehen, und obwohl ich jetzt weggehe, glaube ich, waren wir uns noch nie so nah. Ich glaube, wir müssen nicht wissen, wohin wir gehören oder wohin wir wollen, aber zumindest wissen wir jetzt, wer wir sind, wenngleich wir nicht alle Antworten darauf kennen. Ich glaube, dass wir uns noch nie ehrlicher begegnet sind und dass ihr mir mehr bedeutet als ich euch sagen oder zeigen kann. Ich schließe dieses Buch mit so vielen schönen Erinnerungen, die uns geformt haben und beginne ein Neues, mit euch, in dem wir weiter aufblühen können, nachdem wir nun angemessene Wurzeln geschlagen haben. Ich freue mich drauf.

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