Kurz erklärt: Dünne Grenzen (Thin Boundaries)

Ich war gestern bei einem Schlafdoc. Ihr wisst schon, Monster und so. Dabei musste ich überraschend feststellen, dass es um mehr ging als nur ums (Nicht-)Schlafen. Diese 90-Minuten-Sitzung gab mir etwas für mein Leben mit, denn ich lernte ein Konzept kennen, dass mich auf eine völlig überraschende und kontraintuitive Weise erklärte: das Konzept der dünnen Grenzen (engl.: Thin Boundaries).

Kein Unterschied zwischen Fiktion und Realität

Ich hatte schon immer ein Problem mit Horror-Filmen. Aber nicht so wie andere Horror-Filme nicht mögen, weil sie sich lediglich davor gruseln oder den Unterhaltungswert und -sinn darin einfach nicht sehen. Meine Toleranzgrenze, was Spannung oder Gruseln angeht, ist ziemlich gering und die meisten Menschen halten mich deshalb für zartbesaitet. Ich habe allerdings immer versucht, es so zu erklären: Ich kann zwischen Realität und Fiktion nicht unterscheiden. Alles, was ich sehe, alle Bilder, die in meinem Kopf entstehen, fühlen sich so an, als passierten sie mir selbst. Je größer das Bild in meinem Kopf desto intensiver das Gefühl. Das ist ganz super bei Komödien und Liebesfilmen – und ganz furchtbar bei Horrorgeschichten.

Besonders häufig bei Menschen mit dünnen Grenzen: Alpträume

Das gleiche Problem hatte ich mit Alpträumen. Ich bin relativ anfällig für Alpträume und die sind dann immer so intensiv, dass sie mich auch lange nach dem Aufwachen nicht loslassen. Jeder hatte das wahrscheinlich schon mal – ich habe es hingegen ständig. Also schaute ich irgendwann beim Schlaf-Arzt vorbei und dort lernte ich nun, dass ich tatsächlich zartbesaitet bin; im Fachjargon jedoch bekannt als Mensch mit „dünnen Grenzen“. Hauptmerkmal: Der Übergang von Fiktion und Realität wird als durchlässig empfunden, Reales und Fiktives lässt sich nicht klar voneinander trennen. Dass es für mein Empfinden tatsächlich einen Begriff gibt, überrascht und erleichtert mich zugleich. So seltsam ich mich in der Vergangenheit auch immer fand – dieser Zustand ist nicht nur bekannt und hat einen Namen, nein, er hat sogar wissenschaftliche Relevanz!

Dadurch, dass psychische Einheiten nicht als fest, sondern als fließend, wahrgenommen werden, erleben Menschen mit dünnen Grenzen beispielsweise auch signifikant häufiger intensive Alpträume als Menschen, die sich klar abgrenzen können. Diese Alpträume beginnen meist schon in der frühen Kindheit.

Weitere Merkmale der dünnen Grenzen

Das Konzept der dünnen Grenzen fand seinen Ursprung in den Untersuchungen des amerikanischen Forschers Dr. Ernest Hartmann, der in den 1980er Jahren feststellte, dass seine Patienten mit besonders vielen Alpträumen, überdurchschnittlich häufig bestimmte, gemeinsame Persönlichkeitsmerkmale aufwiesen. Diese Menschen waren:

  • empathisch
  • offen
  • sensibel
  • kreativ
  • übten häufig ungewöhnliche Berufe aus
  • konnten sich schlecht von Stress abgrenzen
  • befanden sich häufig in einem Stadium zwischen Realität und Fiktion
  • gingen schnell Beziehungen ein
  • hatten keine klare Identitätsgrenzen

All diese Beobachtungen hielt Hartmann in seinem Werk Boundaries of the mind von 1984 fest, in dem er letztendlich zwischen dünnen und dicken Grenzen unterschied. Menschen, die also ein eher fluides Verständnis von sich und ihrer Umwelt haben vs. Menschen, die sich klar abgrenzen, insgesamt eindeutige Grenzen aufweisen und sich daher auch gerne nach bestimmten Strukturen richten.

Abgrenzung zur Hochsensibilität

Dünne Grenzen sind nicht gleichzusetzen mit Hochsensibilität. In beiden Fällen mögen die Menschen als „zartbesaitet“ beschrieben werden, doch während Hochsensibilität eine höhere Empfänglichkeit für äußerliche Reize, eben der Sinne, beschreibt, geht es bei dünnen Grenzen mehr um ein durchlässiges Empfinden der eigenen Innenwelt in Interaktion mit der Außenwelt. Während bei der Hochsensibilität reale Reize durch die eigenen Sinne verstärkt wahrgenommen und verarbeitet werden müssen, haben dünne Grenzen Einfluss auf sämtliche Entitäten des Lebens.

Ein Leben mit dünnen Grenzen zusammengefasst: intensiv

Ein Leben mit dünnen Grenzen ist auf jeden Fall intensiv. Und ich verstehe jetzt auch, warum ich abends immer so schnell müde werde. Ich sauge alles auf, was um mich herum passiert und ich kann mich einfach schwer davon abgrenzen. Während ich allem ungefiltert Einlass gewähre, profitieren Menschen mit dicken Grenzen von klaren Strukturen, die dem Fass einen Boden geben. Es ist aber wie mit allem im Leben: Es kann anstrengend sein, sensibel auf seine Umwelt und sich selbst zu reagieren, gleichzeitig bringt es auch ein buntes Leben mit sich, voller großer Gefühle, Kreativität, Neugierde, Offenheit und Empathie. Damit kann ich ganz gut leben.

3 Kommentare zu „Kurz erklärt: Dünne Grenzen (Thin Boundaries)

  1. Zu unterscheiden zwischen hochsensiblen Menschen und solchen mit „dünnen Grenzen“ ist völlig neu für mich – und wirklich erkenntnisreich! Und: Ich hoffe, die Sitzung beim Schlaf-Doc bringt etwas fürs „Besser-Schlafen“…

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  2. Sehr spannend – Danke für‘s Teilen der super recherchierten Informationen! Sehr präzise und gut verdaulich erklärt. Ich vermute mal, dass es eine hohe Schnittmenge zwischen den von Thin Boundaries Betroffenen und Hochsensiblen gibt?

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    1. Ob es eine hohe Schnittmenge zwischen Thin Boundaries und Hochsensiblen gibt, weiß ich leider nicht. Die Thin Boundaries sind eigentlich nur in der Traumforschung ein Thema. Aber wäre spannend, das mal zu untersuchen. Ich denke auch, dass es da eine hohe Korrelation gibt. :)

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