Spiegelbild

Gestern habe ich mich im Spiegel angeschaut, bevor ich duschen gegangen bin. Du hast einen von diesen großflächigen Spiegeln im Badezimmer, die nichts verzeihen. Und mir hat, wie so oft, nicht gefallen, was ich dort sah.

„Ich seh furchtbar aus“, habe ich frustriert gesagt.

Du standst neben mir, hast mich angeschaut und nicht verstanden worum es geht. „Was meinst du?“, hast du gefragt.

„Das hier alles …“, hab ich geantwortet und mit meiner rechten Hand vor meinem Körper rumgefuchtelt, „Ich seh furchtbar aus. Ich hasse es, mich im Spiegel anzuschauen.“ Mittlerweile war ich nicht mehr frustriert, sondern wütend. Irgendwie wütend auf mich selbst.

Du hast mich einen Moment lang durch den Spiegel angeschaut und kurz innegehalten. Dann hast du leise gesagt: „Ich auch nicht. Ich schau mich auch nicht gerne im Spiegel an.“

Dieser Moment brach mir das Herz. Ich hab uns beide dort gesehen, wie wir nebeneinanderstehen und unser eigenes Spiegelbild nicht leiden können, obwohl wir für einander die Schönsten sind. Für mich gibt es keinen einzigen Grund, warum dir das, was du siehst, nicht gefallen könnte. Keinen einzigen. Nicht zuletzt auch deshalb, weil du so viel mehr bist, als das, was der Spiegel dir jemals zeigen könnte.

Und dann wurde mir plötzlich klar, dass der Spiegel im Badezimmer vielleicht nur ein Spiegel des Lebens war: Wenn du dich so irren kannst, dann tue ich das vielleicht auch. Wenn du für mich der Schönste bist, obwohl du es selbst nicht sehen kannst, bin ich, wenn ich Glück hab, es vielleicht auch für dich. Ich weiß, dass ich mich nicht nur schön finden sollte, weil du es tust. Und doch hilft es mir, mich daran zu erinnern, dass ich es schon lange tue und es nur unter all den Gesichtspunkten, wie es sein sollte, vergessen habe.

Ich hab uns beide dort gesehen, wie wir nebeneinanderstehen und töricht unser eigenes, absolut gesundes und mehr als erstaunlich besonderes, Spiegelbild betrachten und verachten, auf das wir so stolz sein können und für das ein anderer alles geben würde. Und ich habe mich gefragt, was zur Hölle wir hier tun. Die größten Kämpfe unseres Lebens tragen wir immer gegen uns selbst aus. Ich weiß das und trotzdem wünsche ich mir, dass du keinen Tag daran verschwendest, zu denken du seist nicht gut genug. Mir ist klar, dass ich dir keine Gedanken nehmen kann, keine Selbstzweifel und ganz sicher auch nicht dein Selbstbild. So wie du es auch nicht mit meinen kannst.

Aber für mich bist du One in a Millions of Millions, mehr als ich dir sagen kann, so kostbar, dass es mir manchmal Angst macht. Lass uns einander mehr glauben, um noch freier zu sein, noch mehr zu lieben und unser Versprechen einzulösen, dass wir nur den Dingen Beachtung schenken, die wirklich zählen.

Und obwohl ich mir wünsche, dass du niemals zweifelst, ist es okay, wenn du es manchmal tust, denn ich bin da, um dich daran zu erinnern, dass, wenn du es nicht tust, zumindest ich die Schönheit in dir sehen kann.

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