#1: Gefühlskarussell

Kann man innerhalb eines Lebens mehrere Leben leben?

Ich war im Frühjahr für drei Wochen auf Bali und es klingt wie ein Klischee, aber diese Zeit teilte mein Leben in ein Davor und Danach. Aber es gab auch ein ganz eindeutiges, eigenes Währenddessen, das in einer Zwischenwelt stattfand. Als ich auf Bali war, habe ich die dunkelsten Abgründe gesehen, alte Dämonen begrüßt und gleichzeitig so viele 10er erlebt, die mich daran zweifeln lassen, ob das, was ich zuvor als 10 wahrgenommen habe, überhaupt eine 10 wert war. Ich habe geweint, gelitten und doppelt so viel geliebt. Ich habe gelernt, dass Frieden die Farbe Gold hat. Und, dass er in der emporsteigenden Asche des Vulkans Gunung Agung zu finden ist. Ich habe als nicht-religiöser Mensch endlich verstanden, was es heißt, etwas Göttliches zu sehen.

Wenn das Gefühlskarussell in einer so hohen Geschwindigkeit seine Kreise dreht und Erlebnisse und Erfahrungen so komprimiert herumwirbeln, ist das intensiv und ziemlich groß. Aber als ich wieder zu Hause ankam, war ich mir nicht mehr sicher, ob ich zu groß für das alltägliche Leben geworden war, oder umgekehrt, das Leben auf einmal doch zu groß für mich. Das Karussell drehte sich einfach weiter, dabei wollte ich kurz absteigen – auf die Pausentaste drücken, kurz durchatmen und das sortieren, was sich gerade nicht sortieren ließ. Mir wurde schlecht. Und so schwindelig, dass das, was passiert war, das, was ich erlebt und gefühlt hatte, wiederum im Kleinen seine eigenen Kreise in meinem Kopf zog. Ich war nicht richtig fähig, meine unterschiedlichen Leben wieder miteinander zu verbinden, weshalb ich mich in meiner Zwischenwelt verlor.

Ich weiß noch, dass ich nicht verstand, warum sich Urlaub und Alltag manchmal so schwer vereinen lassen. Ich verstand nicht, warum es nur eine Realität geben durfte und Urlaub nur ein kleiner Ausbruch dessen war. Heute weiß ich allerdings, dass das kein Urlaub auf Bali war. Das waren die Wochen 0. Balis Zwischenwelt teilte mein Leben definitiv in ein Davor und Danach, allerdings nicht nur im Kleinen, sondern im ganz Großen, ich wusste es damals nur noch nicht. Es gab einen Grund, warum ich es nicht mehr schaffte, meine Leben wieder miteinander zu verbinden, ganz einfach, weil ich es nicht sollte.

Und heute bin ich froh, dass ich eben nicht einfach so zurückgekehrt bin. Dass ich nicht nur mit urlaubsverklärten Augen auf die Möglichkeiten geschaut habe, die es tatsächlich gibt, um sie danach als unerreichbar abzustempeln. Heute bin ich froh, dass sich das Gefühlskarussell weitergedreht hat und ich nicht abgestiegen bin, als mir schwindelig wurde. Das waren die Wochen 0, der Startschuss in mein neues Leben, Bali mein Sprungbrett, mein Türenöffner, mein Kapitel #1.

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