Realityshow

Ich bin gerade auf Bali. Genaugenommen in Canggu, wo das Leben die surfende Welle sein kann, die die Insel in unseren Erwartungen verspricht: viel Sonne, Strand, gute Cafés und einladende Balinesen, die nicht zu Unrecht für ihr Lächeln bekannt sind. Canggu ist mittlerweile aber nicht mehr nur der Inbegriff des puren, heilenden Lebens, sondern wurde mit einer Schicht Oberflächlichkeit überzogen, die all die Influencer dieser Welt peut à peut nach Bali importiert haben, weswegen nun das genaue Gegenteil erzeugt wird: Isolation an einem Ort, an dem es hauptsächlich um Verbindungen geht.

Sich hier zu vergleichen fällt nicht nur leicht, sondern ist quasi Pflicht. Das Ergebnis ist allerdings immer gleich: Du kannst nur verlieren. Zwischen all den gutaussehenden, braungebrannten, tätowierten Menschen, die den ganzen Tag lachend mit ihrem Surfboard und zehn Freunden durch die Gegend fahren und abends in ihren schwarzen Dr. Martens tanzen, in denen sie merkwürdigerweise allerdings nicht schwitzen, obwohl ich beinahe aus meinen schweißnassen Flipflops rausrutsche, erhält der Begriff Realität plötzlich eine ganz neue Bedeutung.

Am Anfang war ich ganz schön traurig deswegen, weil es einfach nicht schön ist, an einem Ort zu sein, der Wahrhaftigkeit großschreibt, ich aber stattdessen nur all das sehe, was ich nicht habe, kann, bin und niemals sein werde. Sollte das tatsächlich die Wahrheit sein? Ich war ganz schön traurig, dass Canggu auf einmal eine Einlasskontrolle für die besonders schönen Menschen dieser Welt eingeführt hatte. Und während ich in meiner trüben Suppe schwamm, während über mir die Sonne schien, verlor ich all die Energie, um mich auf das zu konzentrieren, was wirklich wichtig war.

Bis ich an einem Sonntag, den Wellen an einem einsamen Strand im Süden Balis dabei zusah, wie sie im hohen Bogen direkt vor meiner Nase brachen. Türkisblaues Wasser, kilometerlanger feiner Sand, nur eine Handvoll Surfer im Meer und vier Sonnenschirme für 3€ pro Tag am Strand. Mit der Kokosnuss in der Hand, tauchte plötzlich ein Typ neben mir auf – mit einem top durchtrainierten Körper und einer Ausstrahlung, die wusste, was sie wollte. Er handelte einen Deal mit den Einheimischen aus und zahlte nur einen knappen Euro für 20 Minuten, die er unter seinem Sonnenschirm verbringen wollte. Nur dass er den Schirm nur dafür nutzte, um seine Sachen zu deponieren. Er selbst war auf einer Mission: Jeden Winkel dieses paradiesischen Ortes via Handy festhalten. Er fotografierte alles – und vor allem sich selbst. Als professioneller Fitnesstrainer brauchte er kreativen Content für seine Follower, mit dem er seine Muskeln spielenlassen konnte. Als er nach 20 Minuten tatsächlich wieder verschwand, hatte er also alles an diesem Strand gesehen – nur nicht die Welt um ihn herum.

Während ich ihn beobachte, sah ich schon die Story, die er später auf Instagram posten würde. Und mir tat der Niederländer auf einmal ganz schön leid. Denn mir wurde auf einmal klar, dass dieser Mann zu keiner Zeit in der Realität lebte.

So sehr ich zu Beginn unter dem blendenden Schein litt, dem ich selbst folgen wollte, am Ende musste ich feststellen, dass es manchmal hilft, den wunden Punkt unter die Nase gerieben zu bekommen bis man den Gestank einfach nicht mehr aushält. Denn es gibt zwei Dinge, die man tun kann, wenn man sich in Vergleichen verliert: 1. sich dem hingeben oder 2. so lange hinsehen, bis sich das Bild verändert.

Ich tat beides ein bisschen und hielt es so lange aus, bis ich auf einmal wieder all die anderen Menschen sah. Die, die hier leben. Die, die hier arbeiten. Die, die normal aussehen und die, die so viel realer sind. Die, die so sind wie ich. Und während ich vorher von Tag zu Tag mein Selbstvertrauen ein Stück mehr verlor, gewann ich anschließend das Doppelte zurück – weil ich mehr denn je wusste, wer ich sein möchte – und vor allem wer eben nicht.


Caught up in specialness
I wish you could see
That we are kings of bliss
Begging for misery
We get lost in comparison
Looking outside of me
I see this world is unraveling
I wonder, who could we be?

Oh, I don’t want to see us lose
Any more time
This moment is a mountain to move
So move it aside.

Nick Mulvey, Mountain To Move

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s