Hey, 2020

Hey, 2020,

ich weiß, ich sollte sauer auf dich sein, so wie es alle anderen auch sind, aber das bin ich nicht. Denn dafür ist einfach zu viel passiert, zu viel Gutes. Ich habe zum Beispiel das Klischee erfüllt, ein Buch auf Bali zu beenden, mit Blick auf das Meer und mit den Füßen im Sand, während überall sonst auf der Welt die Zeit stillstand. Ich habe außerdem einen der begehrten Agenturverträge ergattert, genau dann, als ich es am wenigsten erwartet, aber am meisten gebraucht habe. Dafür möchte ich mich bedanken. Dafür und noch für so vieles mehr. Ich möchte mich für die Kreativität bedanken, die erst dann wieder zu mir zurückkam, als ich sie schon fast aufgegeben hatte. Danke, 2020, dass du mich sooft daran erinnert hast, dass so viele Dinge erst wieder zu einem zurückfinden, wenn man sie gehenlässt, dass kleine Schritte Goldwert sind und Durchhaltevermögend eine Tugend ist. Dass wirklich nur der eigene Weg der Richtige ist und Vergleiche jeden Erfolg verderben.

Ich muss aber nicht nur dir danken, 2020, sondern auch den Orten, an denen ich war. Danke Hamburg für das Gefühl von Heimat, danke Paris für den schönsten Geburtstag und das beste Wochenende meines Lebens (thank you, you lovely people – I will never forget!). Danke Mainz für eine Hochzeit, die dieses Jahr tatsächlich stattfinden durfte. Danke Bali für die Quarantäne am Strand, für eine nie dagewesene Bräune, für das Leben in einer viel zu großen Villa, für das Gefühl von Urlaub im Alltag und für die verrückteste Nacht EVER, in der ich mich zum ersten (und realistischerweise auch zum letzten) Mal wie eine Millionärin fühlen durfte. Ein riesengroßes Dankeschön gebührt auch Dublin, wo ich mich wieder mit A. vereinen durfte, nachdem alle Grenzen dicht waren. Ein Wiedersehen war noch nie so schön. Danke Wien, das mich zum ersten Mal Tante werden ließ (Okay, vielleicht ein Danke dafür auch an meine Schwester) und danke an die Schweiz und die Alpen, die mir den erlösendsten Moment des ganzen Jahres beschert haben (s.o., Teil über Agenturvertrag). Auch Mexiko muss ich danken, auch wenn es schwerfällt, denn wir wurden wahrlich keine Freude. Danke aber für die vielen Meeresschildkröten, obwohl ich vor Unwohlsein beinahe ins Wasser gekotzt hätte, und nicht zu vergessen, danke für die Erfahrung eines Hurricanes, der ich mit so einer Gelassenheit entgegentrat, dass mir A. dafür am liebsten den Kopf abgerissen hätte (und das passiert glücklicherweise sehr selten). Für deine korrupten Polizeikontrollen und die zwei fetten, schwarzen Vogelspinnen, liebes Mexiko, bedanke ich mich aber nicht. Genauso, Bali – nochmal zu dir zurück –, haben mir nicht nur deine vielen quakenden Frösche im Sumpf nebenan unzählige Nächte den Schlaf geraubt, sondern auch deine unberechenbaren Reptilien und Insekten. Zumindest weiß ich jetzt, dass die Tropen niemals mein zu Hause werden. Doch zu guter Letzt: Danke Kalifornien. Vielen, vielen Dank für ein Zwergpony namens Prinzessin Fiona, das mich sehr glücklich gemacht hat, und für das Leben auf dem Land, dem ich so skeptisch gegenüber eingestellt war, es mir aber schließlich das Gefühl geschenkt hat, nach dem ich mich so lange gesehnt habe, es bisher aber nirgendwo finden konnte: Angekommen sein.

Aber once again: Manchmal lohnt es sich eben, genau das Gegenteil von dem zu machen, was logisch erscheint. Pause machen statt weiterarbeiten, als Stadtkind aufs Land ziehen, loslassen, was man unbedingt will, sich genau den Aufgaben widmen, die man so lange aufgeschoben hat.

Aber 2020, du warst noch so viel mehr. Du bestandest aus so vielen „ersten Male“, wie z.B. das unaufgeregte erste Mal Thanksgiving feiern in den USA, und aus genauso vielen Momenten, denen ich ein „… des Lebens“ anhängen muss, erwähnt sei hier der überaus unglückliche, schwitzigste Moment meines Lebens bei den Pyramiden in Chichén Itzá. Ja, Bali, es gibt tatsächlich einen Ort, der noch schwüler und heißer ist als du.

Doch vor allem, 2020, warst du so viel Liebe, so unglaublich viel Liebe, dass sie mir manchmal Angst eingejagt hat. Angst, sie direkt wieder zu verlieren. Danke für alle die Menschen, die gesundbleiben durften. Und danke, dass das, wovor ich mich im Leben am meisten fürchte, dieses Jahr nicht eingetreten ist: jemanden zu verlieren. Aber ein genauso ehrenvolles Dankeschön für all die monströsen Herausforderungen, die vielen, vielen Sorgen, die großen, großen Ängste und die wirklich absolut bodenlosen Unsicherheiten. Denn trotz alledem – oder genau deswegen – habe ich heute das Glück zu sagen: 2020, du warst zwar eine Achterbahn, aber nicht mehr als sonst. Stattdessen – und es fühlt sich wirklich falsch an, das laut zu behaupten –, 2020, warst du ein ganz wunderbares Jahr.

Happy New Year! Ich wünsche euch ein 2021, so wie es 2020 für mich war.

1 year in Neverland

One year ago, I asked you to watch my bag not knowing that you would watch my bag every day from that day on. I remember walking to the bathroom, looking back at you and wondering why you were the first guy from Saudi-Arabia that I saw in Bali.

“Thank you“, I said when I came back, unconscious about the fact, that, with slowly sitting down into that big, soft, grey-brown beanbag right next to you, I pushed down the record-button for my own Eat, pray, love-movie.

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#2: Richtig traurige Entscheidung

Richtige Entscheidungen erkennt man daran, dass sie sich gut anfühlen. Oder etwa nicht? Und ich meine keine richtigen Entscheidungen, die nur deshalb richtig sind, weil sie objektiv und gesellschaftlich sinnvoll sind. Nein, ich meine eine richtige richtige Entscheidung. Eine, die aus dem Herzen kommt. Die muss sich gut anfühlen, davon war ich immer überzeugt – bis ich die Entscheidung traf, meinen Job als Content Managerin zu schmeißen und Autorin zu werden. Noch nie hatte sich eine Entscheidung richtiger angefühlt – und doch konnte ich nicht mehr aufhören zu weinen. Wie konnte das sein?

Es gab ihn tatsächlich für mich, diesen einen Klickmoment, der vorher immer wie ein Mythos klang, der den Schalter in mir umlegte. Mein Chef präsentiere gerade in einer großen Runde die Neuausrichtung unseres Teams im Unternehmen. Er erklärte enthusiastisch, wohin „wir“ wollten und was „unsere“ Ziele seien. Das Problem war nur, dass keines dieser Ziele mit den meinen übereinstimmte. Mein Herz wurde nicht nur schwer, sondern tat richtig weh, als mein Chef über Visionen sprach, von denen ich noch nie etwas gehört hatte. Und plötzlich wusste ich, dass ich ihm nicht mehr dabei helfen konnte, seine Ziele zu erreichen und dass ich stattdessen anfangen musste, meine zu erkennen. Als er mich zwei Wochen später zum jährlichen Mitarbeitergespräch bat, um über meine Zukunft zu sprechen, ging ich ohne einen Plan hinein – und mit meiner Kündigung hinaus.

Ich weinte drei tagelang. Und ich weinte überall. Zu Hause, während der Arbeit, im Café, als ich mich mit meiner Mutter zum Mittagessen traf. Weil ich erst jetzt verstand, dass ich mich über zwei Jahre lang selbst belogen hatte. Weil ich erst jetzt bemerkte, wie erschöpft ich war, weil ich die ganze Zeit gegen mich selbst gelebt hatte. Aber ich weinte auch, weil ich wusste, dass ich mich ab jetzt nicht mehr selbst verraten konnte. Außerdem ärgerte ich mich über mich selbst: Mit der Entscheidung meinen sicheren Job aufzugeben und mich stattdessen – ohne irgendeinen Plan! – in die Selbstständigkeit zu stürzen, wählte ich den schweren Weg. Warum konnte ich mich nicht einfach mit einem simplen Leben zufriedengeben?

Letztendlich waren meine Tränen aber vor allem eins: Tränen der Erleichterung. Weil ich endlich begann auf mein Herz zu hören. Weil ich endlich bemerkt hatte, dass ich so nicht mehr weitermachen konnte. Und weil ich wusste, dass ich genug Mut und Ausdauer haben würde, um diesen vermeintlich schwierigeren Weg zu gehen.

Die Menschen um mich herum schauten mich verstört an, als ich nicht mehr aufhörte zu weinen. „Bist du dir sicher mit deiner Entscheidung?“, fragten sie mich irritiert. Wie konnte ich ihnen erklären, dass ich keine Sekunde an meiner Entscheidung zweifelte – mich aber eben von so vielem verabschieden musste, von all dem, was ich bisher kannte und lebte. Ich lernte, dass es nicht nur ein Gefühl von Traurigkeit gibt, sondern viele. Und dass Trauer so erlösend sein kann, dass sie sich paradoxerweise gut anfühlt. Dass sie, völlig widererwartend, genau das Gefühl ist, das mir zu verstehen gibt, dass ich auf dem richtigen Weg bin. Im April 2019 ahnte ich, dass ich etwas ändern muss. Im Mai habe ich gekündigt. Seit September bin ich selbstständig – immer noch lediglich mit einem Plan an meiner Seite, der sich erst während des Tuns formt. Ob es funktionieren wird? Ich habe keine Ahnung. Ob ich heute noch manchmal traurig bin? Ja, oft, aber vor allem bin ich eins: trotzdem ziemlich glücklich, weil es sich nicht nur richtig, sondern echt anfühlt.

Realityshow

Ich bin gerade auf Bali. Genaugenommen in Canggu, wo das Leben die surfende Welle sein kann, die die Insel in unseren Erwartungen verspricht: viel Sonne, Strand, gute Cafés und einladende Balinesen, die nicht zu Unrecht für ihr Lächeln bekannt sind. Canggu ist mittlerweile aber nicht mehr nur der Inbegriff des puren, heilenden Lebens, sondern wurde mit einer Schicht Oberflächlichkeit überzogen, die all die Influencer dieser Welt peut à peut nach Bali importiert haben, weswegen nun das genaue Gegenteil erzeugt wird: Isolation an einem Ort, an dem es hauptsächlich um Verbindungen geht.

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#1: Gefühlskarussell

Kann man innerhalb eines Lebens mehrere Leben leben?

Ich war im Frühjahr für drei Wochen auf Bali und es klingt wie ein Klischee, aber diese Zeit teilte mein Leben in ein Davor und Danach. Aber es gab auch ein ganz eindeutiges, eigenes Währenddessen, das in einer Zwischenwelt stattfand. Als ich auf Bali war, habe ich die dunkelsten Abgründe gesehen, alte Dämonen begrüßt und gleichzeitig so viele 10er erlebt, die mich daran zweifeln lassen, ob das, was ich zuvor als 10 wahrgenommen habe, überhaupt eine 10 wert war. Ich habe geweint, gelitten und doppelt so viel geliebt. Ich habe gelernt, dass Frieden die Farbe Gold hat. Und, dass er in der emporsteigenden Asche des Vulkans Gunung Agung zu finden ist. Ich habe als nicht-religiöser Mensch endlich verstanden, was es heißt, etwas Göttliches zu sehen.

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