Spiegelbild

Gestern habe ich mich im Spiegel angeschaut, bevor ich duschen gegangen bin. Du hast einen von diesen großflächigen Spiegeln im Badezimmer, die nichts verzeihen. Und mir hat, wie so oft, nicht gefallen, was ich dort sah.

„Ich seh furchtbar aus“, habe ich frustriert gesagt.

Du standst neben mir, hast mich angeschaut und nicht verstanden worum es geht. „Was meinst du?“, hast du gefragt.

„Das hier alles …“, hab ich geantwortet und mit meiner rechten Hand vor meinem Körper rumgefuchtelt, „Ich seh furchtbar aus. Ich hasse es, mich im Spiegel anzuschauen.“ Mittlerweile war ich nicht mehr frustriert, sondern wütend. Irgendwie wütend auf mich selbst.

Du hast mich einen Moment lang durch den Spiegel angeschaut und kurz innegehalten. Dann hast du leise gesagt: „Ich auch nicht. Ich schau mich auch nicht gerne im Spiegel an.“

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Kein Ende in Sicht

Wenn etwas zu Ende geht, kann das ganz schön beklemmend sein. Es kann Angst einjagen, oder traurig machen, beunruhigen und Unwohlsein erzeugen. Und dabei ist es völlig egal, ob man sich schon lange darauf vorbereitet, oder plötzlich davon überrascht wird. Denn auch wenn man sich das Ende wünscht: Es wird zukünftig nicht mehr so sein wie bisher. Das Unbekannte liegt blank vor einem – und nicht immer kann man mit wehenden Fahnen ins Ungewisse ziehen.

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Freiwillige Akzeptanz

Der 14. Dalai Lama wurde mit vier Jahren von seinen Eltern getrennt, um zu demjenigen ausgebildet zu werden, der er später einmal werden sollte. Weit entfernt von seiner Familie, fühlte sich der kleine Junge einsam und verlassen. Ein Mönch wurde ihm schließlich zur Seite gestellt, zu dem er eine tiefe Verbundenheit spürte und der viele Jahre als Bezugsperson diente, in diesem neuen Leben, das er noch nicht so ganz verstand. Doch dieser Mönch wurde schließlich versetzt und der Dalai Lama verlor seinen treusten Freund. Viele Jahre später, als der Dalai Lama längst erwachsen war, berichtete er von diesem Erlebnis in einem Interview. Dabei fing er an zu weinen. Der Journalist war irritiert – galt der Dalai Lama nicht schließlich als personifizierte Akzeptanz? Wieso trauerte er auch Jahre später immer noch um seinen Freund? Der heilige Mönch konnte die Verwunderung hingegen nicht verstehen. Es handelte sich schließlich um einen der schmerzlichsten Verluste seines Lebens. Was war also so verkehrt daran, heute noch darum zu trauern?

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