Spiegelbild

Gestern habe ich mich im Spiegel angeschaut, bevor ich duschen gegangen bin. Du hast einen von diesen großflächigen Spiegeln im Badezimmer, die nichts verzeihen. Und mir hat, wie so oft, nicht gefallen, was ich dort sah.

„Ich seh furchtbar aus“, habe ich frustriert gesagt.

Du standst neben mir, hast mich angeschaut und nicht verstanden worum es geht. „Was meinst du?“, hast du gefragt.

„Das hier alles …“, hab ich geantwortet und mit meiner rechten Hand vor meinem Körper rumgefuchtelt, „Ich seh furchtbar aus. Ich hasse es, mich im Spiegel anzuschauen.“ Mittlerweile war ich nicht mehr frustriert, sondern wütend. Irgendwie wütend auf mich selbst.

Du hast mich einen Moment lang durch den Spiegel angeschaut und kurz innegehalten. Dann hast du leise gesagt: „Ich auch nicht. Ich schau mich auch nicht gerne im Spiegel an.“

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Das erste Buch des Lebens

Ich war vorgestern auf meiner ersten Hochzeit und da meine Erwartungen an diesen Tag höher waren als sie wahrscheinlich sein durften, war ich im Vorhinein insgeheim sicher, dass sie nicht erfüllt werden können. Aber so ganz entgegen jeder selbsterfüllenden Prophezeiung und wie so manchmal im Leben wurden sie letztendlich übertroffen. Und als ich da war, wurde mir auch ziemlich schnell klar, warum. Oder weswegen es praktisch unmöglich war, sie nicht zu erfüllen. Dieser Tag war ein Fest der Liebe – aber nicht nur der des Brautpaars. Es war ein Fest der Freundschaft, des Abschieds, des Erwachsenwerdens; für mich ein Tag, an dem ich all das lieben durfte, was bis dahin war und all das willkommen hieß, was nun folgen wird. Es klingt vielleicht ein bisschen zu rührselig, aber es gibt sie nun mal, diese Tage im Leben, die du nie vergisst, weil sie dir alles aufzeigen, was war, ist und sein wird.

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Treffende Worte

Letztens saß ich mit einem Freund zusammen, den ich mit meinen Worten traf. Ich weiß bis heute nicht genau wohin und ob es letztlich gut, oder doch eher beängstigend für ihn war. Aber er erzählte mir eine Geschichte aus seinem Leben und mit allem, was ich über ihn wusste, war die Sachlage für mich klar. Das war nicht irgendeine Geschichte, es war eine Geschichte über Liebe. Und deshalb sagte ich ihm auch, was ich dachte. Ich sagte ihm das, was viele Menschen fühlen, aber nur wirklich wenige verstehen: Er habe Angst vor der Liebe.

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Ein Abschiedsbrief

Lieber P.,

deine größte Angst war immer, nichts zu hinterlassen, wenn du gehst. Du wolltest etwas bewirken, du wolltest, dass die Menschen sich an dich erinnern, wenn du irgendwann nicht mehr da bist. Du wolltest der Welt etwas bedeuten. Ich hab das nie so recht verstanden, denn alles, woran mir lag, war dir etwas zu bedeuten. Heute weiß ich, dass wir immer nach dem Gleichen gestrebt haben. Wir haben nur in unterschiedlichen Welten gelebt. Und jetzt bist du gegangen und ich verstehe endlich, wovor du dich immer so gefürchtet hast. Denn nichts kann diese Leere füllen, die entsteht, wenn man der Welt nichts bedeutet, von der man es sich am meisten wünscht. „Ein Abschiedsbrief“ weiterlesen

Drei Geschenke für die Liebe

Ich bin für gewöhnlich voller Liebe und verteile sie treu, woimmer ich nur kann. Da alle meine Gefühle ohne Umschweife nach Außen gelangen, habe ich keine Schwierigkeiten, anderen Menschen meine Zuneigung zu zeigen. Ich schreibe aber auch gerne Postkarten und kaufe kleine Dinge, von denen ich weiß, dass sie dem anderen eine Freude bereiten. Ich mag das einfach. Und ich weiß, dass andere das auch mögen. Aber sie es selbst nicht immer geben, oder auch annehmen können. Und gleichzeitig darunter leiden, ihre Liebe nicht so zum Ausdruck bringen zu können, wie sie gerne würden. Ich glaube jedoch: Es gibt hundert Möglichkeiten, einem Menschen zu zeigen, dass man ihn liebt. Aber sie alle – und vor allem die materiellen Dinge – sind völlig unwichtig im Vergleich zu den goldenen Drei: Zeit, Aufmerksamkeit und Glaube.

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