#2: Richtig traurige Entscheidung

Richtige Entscheidungen erkennt man daran, dass sie sich gut anfühlen. Oder etwa nicht? Und ich meine keine richtigen Entscheidungen, die nur deshalb richtig sind, weil sie objektiv und gesellschaftlich sinnvoll sind. Nein, ich meine eine richtige richtige Entscheidung. Eine, die aus dem Herzen kommt. Die muss sich gut anfühlen, davon war ich immer überzeugt – bis ich die Entscheidung traf, meinen Job als Content Managerin zu schmeißen und Autorin zu werden. Noch nie hatte sich eine Entscheidung richtiger angefühlt – und doch konnte ich nicht mehr aufhören zu weinen. Wie konnte das sein?

Es gab ihn tatsächlich für mich, diesen einen Klickmoment, der vorher immer wie ein Mythos klang, der den Schalter in mir umlegte. Mein Chef präsentiere gerade in einer großen Runde die Neuausrichtung unseres Teams im Unternehmen. Er erklärte enthusiastisch, wohin „wir“ wollten und was „unsere“ Ziele seien. Das Problem war nur, dass keines dieser Ziele mit den meinen übereinstimmte. Mein Herz wurde nicht nur schwer, sondern tat richtig weh, als mein Chef über Visionen sprach, von denen ich noch nie etwas gehört hatte. Und plötzlich wusste ich, dass ich ihm nicht mehr dabei helfen konnte, seine Ziele zu erreichen und dass ich stattdessen anfangen musste, meine zu erkennen. Als er mich zwei Wochen später zum jährlichen Mitarbeitergespräch bat, um über meine Zukunft zu sprechen, ging ich ohne einen Plan hinein – und mit meiner Kündigung hinaus.

Ich weinte drei tagelang. Und ich weinte überall. Zu Hause, während der Arbeit, im Café, als ich mich mit meiner Mutter zum Mittagessen traf. Weil ich erst jetzt verstand, dass ich mich über zwei Jahre lang selbst belogen hatte. Weil ich erst jetzt bemerkte, wie erschöpft ich war, weil ich die ganze Zeit gegen mich selbst gelebt hatte. Aber ich weinte auch, weil ich wusste, dass ich mich ab jetzt nicht mehr selbst verraten konnte. Außerdem ärgerte ich mich über mich selbst: Mit der Entscheidung meinen sicheren Job aufzugeben und mich stattdessen – ohne irgendeinen Plan! – in die Selbstständigkeit zu stürzen, wählte ich den schweren Weg. Warum konnte ich mich nicht einfach mit einem simplen Leben zufriedengeben?

Letztendlich waren meine Tränen aber vor allem eins: Tränen der Erleichterung. Weil ich endlich begann auf mein Herz zu hören. Weil ich endlich bemerkt hatte, dass ich so nicht mehr weitermachen konnte. Und weil ich wusste, dass ich genug Mut und Ausdauer haben würde, um diesen vermeintlich schwierigeren Weg zu gehen.

Die Menschen um mich herum schauten mich verstört an, als ich nicht mehr aufhörte zu weinen. „Bist du dir sicher mit deiner Entscheidung?“, fragten sie mich irritiert. Wie konnte ich ihnen erklären, dass ich keine Sekunde an meiner Entscheidung zweifelte – mich aber eben von so vielem verabschieden musste, von all dem, was ich bisher kannte und lebte. Ich lernte, dass es nicht nur ein Gefühl von Traurigkeit gibt, sondern viele. Und dass Trauer so erlösend sein kann, dass sie sich paradoxerweise gut anfühlt. Dass sie, völlig widererwartend, genau das Gefühl ist, das mir zu verstehen gibt, dass ich auf dem richtigen Weg bin. Im April 2019 ahnte ich, dass ich etwas ändern muss. Im Mai habe ich gekündigt. Seit September bin ich selbstständig – immer noch lediglich mit einem Plan an meiner Seite, der sich erst während des Tuns formt. Ob es funktionieren wird? Ich habe keine Ahnung. Ob ich heute noch manchmal traurig bin? Ja, oft, aber vor allem bin ich eins: trotzdem ziemlich glücklich, weil es sich nicht nur richtig, sondern echt anfühlt.

Die Geisterversammlung

Ich möchte euch eine Geschichte erzählen. In der Agentur, in der ich arbeite, gibt es jeden Montag um 9.30 Uhr eine Shortlist. Eine halbe Stunde lang wird darüber berichtet, wie es unseren Kunden so geht, was wir in der letzten Woche alles gerissen und gepitcht haben und wer die neuen Brandschutzhelfer im Unternehmen sind. Die Shortlist ist ein Pflichttermin für alle, aber die Hälfte der Rund 200 Mitarbeiter erscheint nicht, weil das doch ein bisschen zu anstrengend ist an einem Montagmorgen. Die andere Hälfte geht wiederum hin, weil sie erkannt hat, dass es sich bei dieser Berieselung um einen sanften Einstieg in die Woche handelt. So gleicht die Shortlist jeden Montag auf’s Neue einer Geisterversammlung: leere Blicke, hängende Schultern, Gesagtes, das wie zähflüssige Nebelschlieren in den Menschen versackt.

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Monster

Jeden Abend stehe ich vor meinem Endgegner: meinem Bett. Was ich tagsüber liebe, wird abends zu einem Ort, den ich besonders fürchte. Wenn ich daran denke, schlafen zu gehen, kriege ich Angst. Ich tue es trotzdem, denn ich bin müde und ich brauche Erholung, aber niemals gehe ich ohne Angst ins Bett. Ich traue mich oft nicht, mein Bett anzuschauen, weil ich glaube, dass ich die Angst vermeiden kann, wenn ich ihr nicht in die Augen schaue. Es ist, als würde ein Sensemann in meinem Bett liegen, der mich zu sich ruft. Der steht jedoch nicht für den Tod, sondern für die Angst, dafür aber mit der gleichen Unausweichlichkeit; ich kann ihr nicht entkommen. Ein ziemlich düsteres Bild, ich weiß. Aber so fühlt es sich nun mal an.

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Es ist niemals nicht leicht

Eigentlich ist es immer ganz einfach. Und ja, da ist es das Wort „eigentlich“, weil auch ich weiß, dass es nicht immer leicht ist. Dass das Leben schwer sein kann und nicht zuletzt auch deshalb, weil wir es uns selbst so schwer machen. So oft habe ich schon Sätze gehört wie: Ja, ich möchte das, aber es ist so schwer… oder: Ich kenne mein Problem, aber ich schaffe es einfach nicht, etwas zu ändern. Sätze wie letztere sind besonders tragisch. Denn hat uns die Lektüre in der Brigitte oder der Therapeut im Sessel gegenüber nicht immer versichert, dass Erkenntnis der erste Schritt zur Veränderung ist? Und gibt es kein frustrierendes Gefühl als das Problem inklusive der Lösung genau zu kennen und doch nichts verändern zu können?

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